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Das ist aber nicht der wahre Jakob! Ernst erzählt vom Norte

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Packliste Küstenweg Jakobsweg – Was kann in den Rucksack?
4. April 2017
 

Schön, dass ich hier die Gelegenheit habe über meine Wanderung auf dem Camino del Norte zu schreiben.

Mein Reisebericht beginnt am Ziel meiner Wanderung. Ich sitze in der Kathedrale von Santiago de Compostela und warte auf den Beginn der Pilgermesse. Heute Morgen bin ich 6 km vom Monte Gozo aus in die Stadt gewandert, habe im Seminario Minor, meiner Pilgerunterkunft, ein hübsches einfaches Einzelzimmer bezogen und bin zum Kathedralenvorplatz Praza do Obradoiro spaziert. Ich habe die Grabstätte des Apostels besichtigt und die Heiligenfigur des Jakobus umarmt. Ich bin extra früh gekommen um einen Platz mit guter Sicht auf das Querschiff der Kathedrale und den silbernen Botafumeiro zu ergattern. Für Pilger werden in den ersten Reihen Plätze frei gehalten. Also sitze ich jetzt hier in der Kirchenbank ruhig und respektvoll, noch unter dem Einfluss meines langen Pilgerweges, habe alle Zeit der Welt und lasse die hinter mir liegende Wanderung Revue passieren.

Auf der Wanderung habe ich häufig ruhig und allein gerastet, war an menschenleeren Stränden und bin über einsame Wege und durch stille Wälder gelaufen. Auf dem Camino del Norte sind nicht so viele Wanderer unterwegs. Man trifft sich in den Pilgerherbergen, geht zusammen zum Abendessen oder kocht gemeinsam und morgens macht man seine Pläne für die Tagesetappen. Diese sind so unterschiedlich wie die Menschen und die Beweggründe, warum man diese Reise unternimmt. Man geht freundlich und achtsam miteinander um. Ich habe es genossen, selbstbestimmt, frei und unabhängig nach meinen eigenen Vorstellungen loszulaufen. Klar habe ich mich manchmal allein gefühlt, aber ich wusste immer andere Wanderer vor oder hinter mir. Auf dem Norte ist es nicht so voll wie auf dem Camino Frances. Erst ab Arzua, kurz vor Santiago de Compostela, wenn sich die beiden Pilgerwege vereinen, wird es dann richtig rummelig.

 
Unterwegs habe ich mehr erlebt als ich mir in meinen kühnsten Träumen vorstellen konnte. HaPes Camino Twins, Paolos Hund, Tim Moors Esel oder die Fiesta in Enrico Estaves Film.

Manchmal nur ein besonders freundliches „Buen Camino“, was ich in diesem Fall mit einem „Gracias Guapa“ (Frank hat mir das beigebracht) beantworten konnte. Die Begegnung mit den Anwohnern und den anderen Wanderern ist inspirierend und eine echte Bereicherung. Pilger sind gern gesehene Gäste in Nordspanien. Jonas hat kurz hinter Pater Ernestos Herberge in Guemes (ein echtes Nadelöhr auf dem Norte), ein Foto gemacht. (*Das Hintergrundbild oben) Wir waren 12 Wanderer aus 9 Nationen. Nur ein kleiner Moment von vielen tollen Begegnungen. Ich kann unmöglich alle aufzählen. Es war schon ordentlich was los im Camino Radio. Mailänder Maßschuhe; Camino Tinder; Feve-Missbrauch; Nachtpilger; Pilger, die reumütig vom Primitivo, zu kalt da, zurück auf den Norte gekehrt sind. Das alles könnte locker ein unterhaltsames Buch füllen.

Die Hospitaleros (@Raimund: es stimmt! Nuria ist sicher die hübscheste), die Künstler und Musiker, die Originale, denen ich auf diesem magischen, wunderbaren, uralten Weg begegnet bin, sind ein Teil meiner Wanderschaft geworden. Anna aus Pasaia hat uns das Ultreia Lied vorgesungen. Hat jemand Hannes Adresse? Mich haben die Menschen aus allen Nationen begeistert. „Wenn du jetzt mit den Franzosen Mittagessen gehst, hängst du die nächsten 3 Stunden fest und bist hinterher zu müde um weiterzulaufen“(Kerry). Ja, stimmt, aber lecker war es schon. Eine Schublade für die liebenswerten Eigenschaften jeder Nation. Es hat Spaß gemacht euch alle kennen zu lernen.

"Auf dem Camino del Norte sind nicht so viele Wanderer unterwegs."

 

Geplant hatte ich diese Wanderung schon einige Jahre so mit dem Gedanken: das mache ich, wenn ich dann mal im Ruhestand bin. Aber dann wollte ich nicht mehr so lange warten. Über die Jahre hatte ich mich ausführlich mit dem Camino beschäftigt, genug Urlaub angesammelt, so dass ich am 22 April 2016 in Biarritz starten konnte. Ich bin dann in sechs Wochen 680 km auf dem Camino gewandert. Die gesamte Strecke ist 830 km lang. Ich bin das eine oder andere Mal mit dem Bus und dem Feve gefahren. Übrigens in guter Gesellschaft mit den anderen aus der Pilgerfamilie. Öfter bin ich mal runter vom Jakobsweg. Schon am zweiten Tag bin ich von Hondarribia aus mit dem Boot zurück nach Hendaye gefahren und bin dort ohne Gepäck über den herrlichen Strand und durch das Naturschutzgebiet gestrolcht. In Santillana del Mar habe ich die Höhlen von Altamira besucht. Und für schöne Strandabschnitte habe ich gerne einen Umweg gemacht. Ich fand 20 km am Tag ok. Man muss ja nur mal zwei Tage bummeln, dann hat man richtig was aufzuholen. Meine kürzeste Etappe war ca. 5 km meine längste 36 km. Ich war immer gut drauf und hatte keine Fußprobleme. Meine Ausrüstung war getestet und die Schuhe waren eingelaufen. Und Vorsicht: das Klima am Atlantik hat nichts mit dem Mittelmeerklima gemein! Ich hatte 10 Kg Gepäck auf dem Rücken. Peinlich wurde mein Gepäck von den Hospitaleros in der Herberge von Irun untersucht. “Hombre, dein Gepäck ist zu schwer! Was? Ein Zelt? Das brauchst du nicht auf dem Camino“. Muchas Gracias Señores, ihr hattet Recht. Als ich nach 300 km vor einem Wegweiser stand: „Nur noch“ 530 km nach Santiago de Compostela, habe ich müde meinen Rucksack abgesetzt. Ermahnt von Krishna (Bhagavad Gita, erster Gesang, Vers 4) bin ich dann aber nach einer Rast tapfer weiter gelaufen. Auf dieser magischen Route an das Ende der Welt. Erlebt habe ich Gastfreundschaft und Offenheit für alle Religionen und Beweggründe.

Um mich herum in der Kathedrale wird es jetzt richtig voll. Streng werden die Besucher – die vom Frances halt ;) – über Lautsprecher um Ruhe gebeten. „Silencio, por favor.“ Die Pilger werden in ihrer Landessprache nach Nationen und Anzahl begrüßt. Der Gottesdienst beginnt. Jetzt kommt alles in Spanisch, macht aber nichts. Wir singen zusammen und reichen unseren Nachbarn die Hand. Zur Heiligen Kommunion werden nur die gläubigen Katholiken eingeladen. Wir anderen bleiben einfach sitzen. Der Botafumeiro ist an diesem Tag nicht geflogen. Dafür habe ich aber der Nonne beim Singen zuhören können, das war schon berührend. Ich war dann noch in Finisterre, habe im Atlantik gebadet und habe am Kap meine extra dafür mitgenommene Baumwollunterhose verbrannt. Dann hatten wir noch einen herrlichen, besinnlichen Sonnenuntergang und eine wilde Party in der Strandbar. Was will ich mehr?

Umarmungen an die Weggefährten und liebe Grüße

Ernst

 

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Eduards Küstenweg

2 Kommentare

  1. Tine sagt:

    Hi Ernst,
    wie schön doch noch von dir zu lesen. Selbst nach der langen Zeit lassen einen die Erinnerungen doch noch nicht los, stimmts?
    Ich habe mich auch über deine Fotos gefreut. Da sind dann doch etliche Pilger dabei, denen wir beide begegneten. 😉
    Schön, ich freue mich!
    Viele Grüße an dich, Tine

  2. Ingrid sagt:

    Lieber Ernst,
    auch wenn ich nicht dabei war, kann ich durch deine Geschichte und die Bilder ein bisschen mitwandern auf dem Weg, den du gegangen bist…👏
    Lieben Gruß
    Ingrid🙋

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