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Tine’s Geschichte – Erfahrungen vom Jakobsweg Küstenweg

Hondarribia – Ein Juwel gleich zu Beginn auf dem Jakobsweg Küstenweg
2. Dezember 2016
 

Das erste was mir in den Sinn kommt bei meinen Erinnerungen an den Camino del Norte ist unendliche Weite, Blau in allen Schattierungen, herrlicher frischer Wind und ich sehe mich selbst auf einem Felsen über dem Meer stehen und spüre wie diese Weite in mich hinein fließt und gleichzeitig aus mir heraus. Ich bin ausgefüllt vom Gefühl absoluter Entspannung und Freiheit.

Das ist die Essenz. Womit sollte ich also anfangen? Selbst etwas zum Küstenweg zu schreiben, nachdem ich ein halbes Jahr mal mehr und mal weniger sehr verkürzte Fassungen davon erzählt habe, wieder in meinem Alltag eingetaucht bin und es sehr bewusste Momente braucht, um mir die Folgen des Caminos für mich ganz persönlich zu verdeutlichen, ist gar nicht so leicht wie ursprünglich gedacht. Ich habe nach dem Weg die gleichen Erfahrungen gemacht wie Jonas. Ich wurde immer wieder nach dem Pilgerweg gefragt, die Interessen der Fragenden waren unterschiedlich, die Gelegenheiten auch, so dass ich jedesmal abwägen musste, wieviel und was erzähle ich, ohne dass es anderen zu viel oder zu langweilig wird. Ich will ja niemanden nerven... Aber es stellte sich immer heraus, dass ein ehrliches Wissenwollen da war, wie es mir auf dem Weg alleine ergangen ist, daran, wie „mutig“ ich war. Also fange ich jetzt beim Erzählen einfach damit an: es braucht nämlich für den Camino keinen Mut! Zumindest ist das meine Erfahrung. Ich habe im Gegensatz zu Jonas bereits seit 10 Jahren gewusst, dass ich den Jakobsweg einmal gehen will. Wenn die Kinder aus dem Haus sind... Nach einer einschneidenden Veränderung in meinem Leben und dem nun unmittelbar bevor stehenden Zeitpunkt an dem mein jüngerer Sohn zum Studium gehen würde, musste ich also nur noch für mich klar machen, ob der darauffolgende Herbst oder das nächste Frühjahr meine Reisezeit wird – und wie ich das mit meinem Job vereinbaren kann.

Eine Sache hielt mich noch ab: die Angst vor dem vermeintlichen Tourismusrummel auf dem Camino de Frances. Vor wandernden Massen und Party feiernden Pilgern graute mir. Da stieß ich auf der Suche nach ruhigeren Alternativen auf den Küstenweg. Als ich diese Landschaften sah, etwas von 600 km am Meer entlang und nur 6% aller Pilger las, wusste ich, dieser Weg ist es und nächstes Frühjahr geht es los! Und einmal ausgesprochen und bekannt gemacht, blieb mir dann auch keine andere Wahl mehr. ;-) Ab da merkte ich, ich benötige gar keinen Mut. Ich werde einfach loslaufen. Einer meiner Freunde hat mich kurz vor meiner Abfahrt sogar unbeabsichtigt noch richtig angestachelt, indem er sagte: „800 km? Sag mal spinnst du denn? Da nimmst du dir zu viel vor, da überschätzt du dich einfach!“ Ich war tief beleidigt! Und tatsächlich hatte ich an einem Punkt der Reise einen Durchhänger an dem ich mich fragte, wozu ich das hier überhaupt mache. Aber die Erkenntnis, ich habe erst 530 statt über 800 km geschafft, und die Schmach die ich mir vorstellte bei dem Gedanken ich müsste meinem Freund dann Recht geben – haben im entscheidenden Moment geholfen, einfach weiter zu laufen. Zu meinem Besten!

 
Insgesamt lässt sich meine Erkenntnis von den 7 Wochen Pilgern auf dem Jakobsweg wohl am besten in dem manchmal fast zur Phrase verkommenen Satz „Weniger ist mehr!“ zusammen fassen.

Weniger von allem, mehr von allem. Weniger an Planung. Mehr an Freiheit, Gelassenheit und Entspannung. Bereits auf der Zugfahrt zum Flug nach Bilbao traf mich die erste Planungsumstürzung, weil mein gebuchtes Hostelbett „erfolgreich kostenfrei storniert“ wurde. Es hat mich selbst erstaunt wie gelassen ich damit umging. Es war zu keinem Zeitpunkt schlimm! Ich bin an dem Tag einfach noch Richtung französische Grenze weiter gereist, nicht mal bis Irun gekommen und habe dann spontan am nächsten Morgen in San Sebastian mit Pilgern gestartet. Nichts war so wie geplant. Und so blieb das während der ganzen Pilgerreise. Am eingeschränktesten fühlte ich mich, wenn ich mich festlegen sollte, wann ich wo sein werde, und weitreichende Pläne für die Zukunft von mir erwartet wurden. Die entspanntesten Tage hatte ich dann, als ich gar keinen Plan mehr brauchte, wohin ich heute wandern werde, sondern das erst im Laufe des Tages entschied. Je nachdem ob es mir an einem Ort gefiel und ich bleiben wollte oder ob ich einfach Lust und Kraft hatte, noch 10 km dran zu hängen. Ich denke, zumindest ein Stück dieser Gelassenheit konnte ich auch in mein Leben nach dem Camino mitnehmen. Ich bin flexibler und rege mich weniger über Dinge auf, die für mich ohnehin unabänderlich sind. Weniger Kilometer. Mehr Durchhaltevermögen und Vergnügen an der Strecke. Mir sind unterwegs etliche Pilger begegnet, die auf Teufel komm raus Strecke machen wollten und einen sehr engen Zeitplan bzw. sehr sportliche Ziele hatten. Einige davon mussten abbrechen aufgrund von Fuß- oder Knielahmheit oder sonstigen Beschwerden. Ich bin den Küstenweg sehr langsam angegangen. Ich habe auf meinen Körper gehört und ihm gegeben was er brauchte, auch seinen eigenen Rhythmus. Am Anfang haben mich ALLE überholt. Besonders an den Bergen. ^^ Nun hatte ich mich ja auch nicht für diesen Weg entschieden weil er gegenüber dem Hauptweg als sportliche Herausforderung galt - auf diesen Aspekt hätte ich problemlos verzichten können. Das machte mir eher Angst... Ich nahm diesen Haken für die Küstenausblicke und die Ruhe in Kauf. Und wurde belohnt mit stetig wachsender Mobilität, Muskelkraft und Energie. Irgendwann hatte ich einen ausgesprochen energischen Schritt drauf, konnte sogar mit Rucksack hopsen und schaffte 35 km am Tag. Ich lief mir tatsächlich alle vorherigen Bürobeschwerden meines Körpers weg! Ich glaube, meine kürzeste Strecke waren 10 km. Und was war das für ein zauberhafter Ort für den es sich lohnte, genau heute hier zu bleiben und den Tag Ruhe zu genießen!

Weniger an Erwartung. Und ich bekam mehr als ich mir je erträumt hätte. Ich habe mich tatsächlich bemüht, nicht mit Erwartungen auf den Küstenweg zu gehen. Natürlich gelingt das nicht ganz. Ich hatte immerhin lange geplant, meine Gedanken auf die vor mir liegenden Wochen und die Reise gerichtet. Ich hatte gehofft, den Weg ganz zu schaffen und mit einem Abschnitt meines Lebens abschließen zu können. Dies gelang mir beides. Welch ein Geschenk! Aber mit allem anderen das ich bekam hatte ich nicht gerechnet. Um so wertvoller ist es mir! Mir sind etliche Mitpilger begegnet, die nach dem Sinn ihres Lebens suchten. Einige davon schon zum wiederholten Male. Ich denke, die meisten haben ihn auch auf diesem Weg nicht gefunden. Aber so nichts suchend wie ich war, habe ich unterwegs angefangen mir Fragen zu stellen, die vorher so nicht offensichtlich waren, sie kamen mir erst auf dem Weg. Letztlich habe ich doch Entscheidungen für meine Zukunft getroffen. Ganz anders als ich es vorher vermutet hätte. Ich hatte das schönste und beste Pilgerwetter das man sich nur wünschen konnte, mit dem ich aber nach allen Vorhersagen für die Nordspanische Küste nicht gerechnet hatte. Ich durchwanderte unterschiedlichste und traumhafteste Landschaften, wie ich sie mir nie erhofft hätte. Ich erlebte mehr Zufriedenheit und pureres Glück als ich mir je hätte vorstellen können. Und mir sind ganz besondere Menschen begegnet. Unerwartbarerweise. Bitte – wer hätte mit so etwas rechnen sollen! ;-).

"Weniger von allem, mehr von allem."

 

Weniger andere Menschen. Mehr bei mir selbst sein und die wunderbarsten Menschen dazu. Ich bin bestimmt fast zwei Drittel des Weges alleine gelaufen. Ich habe das so sehr gebraucht und genossen. Mir ist oft bewusst geworden, dass ich gar nicht denkend, geschweige denn kommunizierend, durch die Gegend laufe und fragte mich, ob ich nicht irgend etwas für mich bedenken oder klären sollte. Aber nein, gerade dadurch kam ich zu mir und konnte die Weite der Landschaft auf mich wirken lassen. Es ist auch völlig unkompliziert möglich gewesen, anderen Pilgern zu signalisieren, dass ich gern allein weiter laufen möchte. Dafür habe ich es abends immer genossen, mit anderen Gleichgesinnten in den Herbergen oder auch mal einer Pension zusammen zu treffen. Und mich dann auszutauschen. Und immer dann wenn ich genug hatte vom Alleinsein und ich merkte, dass ich jetzt Menschen um mich benötige, kamen diese. Immer die richtigen. Und mit ihnen ging ich dann ein paar Tage weiter. Gerade diese bewussten Begegnungen waren es, die meinen Camino besonders bereicherten und sie sind es, die mir nachhaltig in Erinnerung blieben. Und ich stelle fest, dass ich auch davon ein Stück mit in meinen Alltag übertragen konnte. Es ist nicht mehr wichtig, ständig überall dabei zu sein, ich habe keine Sorge mehr etwas zu verpassen wo letztlich doch nur oberflächlicher Smalltalk passiert, muss mich nicht immerzu mit Freunden treffen. Ich kann auch mal gut mit mir allein sein und in Ruhe Kraft tanken. Weniger Gepäck. Mehr Freiheit und Leichtigkeit. Im letzten halben Jahr vor dem Küstenweg war das Lied „Leichtes Gepäck“ eine meiner Hymnen. Und wie oft ich es vor mich hin sang! Ich hatte geglaubt, mich wahnsinnig reduziert zu haben mit meiner pingeligen Vorbereitung und meiner Grammjägerei. Und ich hatte immer noch zu viel dabei! Ich schickte wie viele andere auch Pakete mit Habe nach Hause. Und war danach regelrecht befreit von Last! Inzwischen, nach einer weiteren kurzen Trekkingtour, weiß ich sogar, dass ein noch kleinerer Rucksack und noch weniger Kram ausreichen. Auch wenn ich mir in 7 Wochen in immer den gleichen Outdoorklamotten regelmäßig ein mädchenhaftes Kleid zum einmal Schönsein wünschte ...;-) Und zum Thema Rucksackinhalt muss ich unbedingt loswerden: bei aller Natur führt der Küstenweg mitten in Europa durch besiedeltes Gebiet und nahezu jeden Tag durch einen Ort mit Supermarkt, in dem man alles für den täglichen Bedarf erstehen kann. Auch in kleinen Abpackungen die nicht schwer sind...

Weniger Geld. Mehr Wesentliches. Klar waren die finanziellen Möglichkeiten der Pilger auf dem Weg sehr unterschiedlich. Von demjenigen dem das Geld nie ausgehen wird bis zur 4-fachen alleinerziehenden Mutter die jahrelang auf diese Reise gespart hatte, begegnete mir alles. Nach ein paar Wochen änderten sich auch die Gesprächsthemen, wenn man sich kennen lernte. Man war – so man sich mochte – sehr schnell sehr dicht beieinander. Und die Frage nach dem Beruf im Leben außerhalb des Jakobsweges kam irgendwann später, weil sie unbedeutender wurde. Die innigsten, persönlichsten und beeindruckendsten Tage hatte ich mit Menschen, die mit ganz wenig finanziellen Mitteln auskamen, weshalb unsere Mahlzeiten und Übernachtungen dementsprechend einfach waren. Und meine glücklichsten Momente auf dem Weg hätten mit Geld überhaupt nicht beschafft werden können. Diese Erlebnisse beschäftigen mich immer noch nachhaltig und lassen mich fragen, auf wie wenig Materielles sich mein Leben doch reduzieren ließe und dabei trotzdem erfüllend sein könnte. Weniger Angst. Mehr Mut. Ich glaube die häufigste Frage, welche mir gestellt wurde, war: „Und du bist ganz alleine gelaufen? Als Frau? Hattest du da keine Angst?“ Nein, hatte ich nicht. Zu keinem Zeitpunkt. Ich bin vorher auch noch nie ganz alleine gereist. Aber ich habe hier gelernt – es geht. Problemlos. Weder war der Weg so gefährlich und unüberwindlich, dass es irgendwann Grund zur Sorge gegeben hätte. Mir sind Frauen im Rentenalter oder mit Bandscheibenvorfall begegnet, die das gemeistert haben! Erleichternd für die Organisation und das Zurechtfinden kam hinzu, dass in Spanien öffentliche Verkehrsmittel, also Fähre, Bus usw. wunderbar ausgebaut und sehr preiswert sind, und die Spanier an sich sehr hilfsbereit gegenüber Pilgern sind. Noch drohten wirkliche Gefahren von anderen Pilgern. Ich habe gelernt, gut auf mein Bauchgefühl zu achten und konnte dann schon für mich entscheiden, mit wem ich laufen, Zeit verbringen oder in einer Herberge übernachten möchte. Insofern schmeichelt es mir zwar nach wie vor wenn mich jemand mutig nennt, weil ich den Jakobsweg gegangen bin, komme mir aber dabei vor wie eine Aufschneiderin, weil ich es so gar nicht mutfordernd fand. :-) Und so suche ich am Ende meines Schreibens nach einer sinnvollen Zusammenfassung all der Eindrücke und Informationen die ich versucht habe zu vermitteln – und sehe mich doch wieder auf einem Felsen stehen. Oberhalb des Atlantik. Rings um mich Wind und Blau vom Meer und vom Himmel. Und ich bin glücklich. Zutiefst. Und ich will da wieder hin

7 Kommentare

  1. Ernst Riegauf sagt:

    Hallo Tine,
    dein Erfahrungsbericht spricht mir aus der „Seele“. Ich bin vom 20.04.2016 ab Irun bis zum 01.06. an Santiago de Compostela auf dem Küstenweg unterwegs gewesen. Meinen Eindrücke decken sich in vielem mit dem was du so treffend berichtet hast. Besonders was du zum alleine wandern schreibst kann ich so gut nachvollziehen. Für mich war es auch ein Geschenk frei, unabhängig und selbst bestimmt auf diesem Pilgerweg zu wandern. Die Begegnungen mit den Menschen Unterwegs waren so offen und freundlich und ich wusste das ich nicht allein unterwegs bin. Es war ein Vergnügen deinen Bericht zu lesen. Gänsehaut. Schön das unser Weg hier noch weiterlebt. Bis bald mal Ernst

  2. Tine sagt:

    Hallo Ernst, das finde ich ja total schön, dass du so nett reagierst. Vielen Dank dafür! Ich war vom 25.04. an unterwegs und bin am 03.06. in Santiago eingelaufen. Du warst mir offensichtlich immer eine Nasenlänge voraus, so dass wir uns nicht begegnet sind. Tja – um so spannender fände ich es ja nun, hier von dir auch was zu lesen! 😉
    Bis dahin ganz viele Grüße, Tine

  3. Ernst Riegauf sagt:

    Hey Tine, vielleicht sind wir uns ja begegnet. Aber sicher haben wir mal abgesehen von Jonas und seinen Freunden noch mehr gemeinsame Weggefährten. Viele haben uns ja überholt und sind schneller als wir unterwegs gewesen. Mein Bericht ist schon in meinem Kopf. Aber wo fange ich an und wie viel kann ich davon aufschreiben?. Jeder Tag der Reise kann bequem einige Buchseiten füllen. Also ich muss noch ein wenig an der Spannungsschraube drehen. Coming soon. Ernst

  4. saba knoedel sagt:

    Hallo Tine , das mit dem Messer unter der Bettdecke kenn ich doch! Prima dass du über deine Erfahrungen schreibst. Es ist eine wunderbare Erfahrung den Camino zu laufen. Es grüßt dich die Saba.

  5. Tine sagt:

    Ja liebe Saba, du kennst nicht nur die Geschichte mit dem Messer, sondern auch den Pilger dazu. 😉
    Ich freue mich dass du die Seite hier gefunden hast. Ist sie nicht toll?!
    Ich fände es total klasse und wäre jetzt wirklich gespannt auch Berichte von anderen Pilgern zu lesen …
    Liebe Grüße zurück von Tine

  6. Paloma sagt:

    Hi Tine, ist hier noch was zu sagen? Alles was du geschrieben hast – es ist so. Es stimmt.Es war auch für mich, ein Vergnügen deinen Bericht zu lesen.

  7. Felizitas Piller sagt:

    Ist der Küstenweg mit dem Fahrrad zu schaffen? Geht es nur bergauf oda wie ist das höhenprofil?

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