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Begegnungen – Tag 2 auf dem Jakobsweg Küstenweg

Pilgerglück – Tag 3 auf dem Jakobsweg Küstenweg
17. Dezember 2016
Erste Schritte – Tag 1 auf dem Jakobsweg Küstenweg
19. Dezember 2016
 

Vogelzwitschern holt mich sanft aus dem Schlaf. Die Luft im Zimmer ist herrlich frisch, das erste Tageslicht bringt etwas Helligkeit in den Raum und ich fühle mich wie neu geboren.

Seit Ewigkeiten habe ich nicht mehr so gut geschlafen. Erstaunlich. Normalerweise dauert es Stunden bis ich zur Ruhe komme und Schlaf finde. Das war heute Nacht völlig anders. Wunderbar! Was für ein tolles Gefühl. Während ich mich aus dem Schlafsack schäle, steigt mir der Duft von frisch Gebackenem in die Nase... Mir läuft das Wasser im Mund zusammen. Schlagartig bin ich hungrig. Bereits gestern hatte uns die Familie mit wunderbaren Speisen aus eigenem Anbau verwöhnt. Was uns heute wohl erwartet? Als ich mich auf die Bettkante setze schmerzen meine Beine. "Das wird ein anständiger Muskelkater!" ahne ich und werde bestätigt als es beim Aufrichten höllisch zwickt. Die ersten drei Schritte humple ich zu meinem Gepäck und grinse schmerzerfüllt. Selbst Schuld. Warum komme ich auch auf die Idee über 900 Kilometer wandern zu wollen. Bittersüßer Schmerz - ich spüre mich selbst auf eine neue Art. Die gestrigen Anstrengungen, das gute Essen am Abend, der erholsame Schlaf in der Nacht. Ein lange vermisstes Gefühl von Lebendigkeit überkommt mich. Ich schnappe mir meine Kulturtasche und bewege mich langsam zur Dusche. Kein Vergleich zu der gestern in Irun. Hier nutzen wir ein liebevoll hergerichtetes und mit allem Komfort ausgestattetes Badezimmer an dessen Wänden unzählige Fotos von Alltagssituationen der Gastgeber kleben. Und Sprüche. Viele Sprüche. Aber ich kann leider immer noch kein Spanisch. Nach der herrlich erfrischenden Dusche und in ebenfalls gestern frisch gewaschenen Wanderklamotten gehe ich fröhlich zum Frühstücksraum. Gedämpfte, ruhige Klänge klassischer Musik und der köstliche Duft von Pfannkuchen - es gibt frische Pfannkuchen! - empfangen mich. Sarah ist schon da und lächelt mich an. Offenbar gefällt es ihr hier auch. Ephraim bringt frischen Kaffee und wir essen uns an den leckeren Pfannkuchen mit selbstgemachter Marmelade so richtig satt. Wir werden eingeladen unbedingt doch einmal bei der Gemeinschaft auf ihrer Farm in Tschechien zu Besuch zu kommen. Vielleicht mache ich das mal. Eher nicht.

Erst einmal rüsten wir uns jetzt für den Tag der vor uns liegt. Am Tresen im Frühstücksraum steht eine kleine Spendenbox. Donativo! Mein Spanisch wird besser. "Was gibt man hier?" frage ich mich. Ein Ort der Ruhe und Entspannung. Herzliche Bewirtung mit vorzüglichen Speisen und liebevoller Gesellschaft im Kreise einer Familie. Ein beinahe luxuriöses Bad. Saubere Betten. Mein kaufmännisches Verständnis kollabiert. Gestern kostete die Übernachtung 10 € - diese hier wäre ein Vielfaches wert. Ich entscheide mich für eine den Empfehlungen des Reiseführers entsprechend großzügige Summe und fühle mich dennoch wie ein Dieb. Sarah ringt ebenfalls mit sich. Das sehe ich. Beinah vergessen wir unseren Stempel - aber Ephraim passt auf. Danke! Wir machen uns wieder auf den Weg - nicht ohne kräftig gedrückt, mit Segenswünschen und der dringenden Empfehlung den hauseigenen Bioladen in San Sebastian zu besuchen verabschiedet zu werden. Als wir unten an der Straße ankommen, stehen unsere Gastgeber noch immer vor der Herberge und winken uns nach. Irgendwie rührend. Schön. Es dauert heute nicht lang und wir erreichen San Sebastian. Hinter einer der schönen Brücken im Ort finden wir wie beschrieben schnell den BioLaden. Da Sarah die Spezialistin für Proviant und Kommunikation ist darf sie einkaufen. Ich warte mit den Rucksäcken draußen. Das zumindest war der Plan. Nach wenigen Augenblicken werde ich von einer freundlichen Angestellten herein gebeten und zu einem Matcha Tee überredet. Natürlich bekommt auch Sarah einen und so sitzen wir wieder einmal gegen unseren eigentlichen Willen fest. Irgendwie schaffen wir es dann doch uns zu verabschieden und wandern mit frischem Obst und Nüssen im Gepäck weiter. Vorbei an Geschäften und dann entlang der eleganten Promenade, die sich zunehmend mit Leben füllt. Eine fabelhafte Kulisse. Pilgern macht Spaß.

 
Wir lassen San Sebastian hinter uns uns wandern fröhlich der Küste folgend durch die Hügel. Im Grunde laufen wir einfach an der Straße entlang - gelbe Pfeile gibt es hier reichlich.

An einem Anstieg begegnen wir einem Pilgerpaar, die sicher schon das Rentenalter erreicht haben. Er hat seinen Rucksack auf einem Gestell mit Rädern gebunden, welches er irgendwie am Gürtel hinter sich herzieht. Sieht sehr instabil aus, scheint aber zu funktionieren. Ich empfinde Hochachtung vor diesen Menschen. Irgendwie beschämt es mich. Wie lächerlich scheinen meine Beschwerden gegen ihre. Sie sind sichtlich angestrengt und ich überlege, wie sie wohl mit diesem Gerät abseits der asphaltierten Wege zurecht kommen. "Hola!" flüchtig grüßen im Vorbeigehen und zügig weiter. Wir haben Zeit und Kilometer gut zu machen. Steil geht es bergan. An diesen Anstiegen gebe ich gern besonders Gas. Es gibt mir das Gefühl solche Passagen schneller hinter mich zu bringen. Nach einer scheinbar leer stehenden Gaststätte bin ich etwa 500 Meter voraus. Es geht weiter zwischen in dieser Gegend typischen Einfamilienhäusern.

Während ich mich umdrehe um nach Sarah zu schauen, springt direkt hinter mir ein wütender, großer Hund an den das dahinterliegende Haus umgrenzenden Zaun und bellt und knurrt als wäre ich der Leibhaftige. Mein Herz rast. Meine Güte hab ich mich erschrocken. Obwohl der Zaun zwischen mir und der zähnefletschenden, geifernden Bestie steht, merke ich, wie ich zurückweiche um den Abstand zum Hund zu vergrößern. Schwäche. Der Hund wird daraufhin noch wilder und ich frage mich, ob der Zaun wirklich hoch genug ist. Einige Meter weiter bleibe ich stehen und warte auf Sarah. Als sie aufschließt, bleibt der Hund bis auf ein kurzes "wuff" weitestgehend ruhig. Er mag wohl einfach keine Männer. Nicht weit entfernt kommen wir an eine Stelle, an der ein bekennender Pilger-Freund einen kleinen Altar, so würde ich es bezeichnen, am Straßenrand errichtet hat. Urig. Zwei Stühle, Wasser, Pilger-Informationen, Joghurts und - welche Freude - ein Stempel mit Stempelkissen. Außerdem ein Büchlein, in dem sich vorbeiziehende Pilger verewigen dürfen. Wir hinterlassen unser Autogramm und jetzt mache ich etwas, dass ich zuhause niemals getan hätte: ich esse einen der an der Straße ausgesetzten Joghurts! Todesmutig - ich Abenteurer. Ob ich das überlebe?? Die nächsten Kilometer verspüre ich erfreulicherweise weder Übelkeit noch sonstige Vergiftungserscheinungen. Glück gehabt.

agua potable=trinkbar! agua no potable=bleib durstig!

 

Unser Weg führt uns über Feldwege und Schotterpisten durch Gebiete die offenbar kürzlich von großflächigen Buschbränden betroffen waren. Überall verkohlte Baumstümpfe und Büsche. Zwischendrin Wasserstellen. "Potable" steht auf einem Stein daneben. Trinkbar. Gleich mal probieren. Ich werde immer mutiger. Und auch diesmal überlebe ich. Nicht weit davon auf einem Feld traue ich meinen Augen nicht. Lamas?! (oder Alpacas - wer kann das schon unterscheiden) Wir versichern uns scherzend, dass der Jakobsweg in Spanien und nicht in den Anden verläuft, wir uns nicht verlaufen haben, und das diese Tiere hier sicher eher die Ausnahme sind. Erstmal Bilder machen! Und aufpassen nicht angespuckt zu werden. Aber unser Glück verlässt uns auch diesmal nicht und wir kommen ohne Demütigung davon. An einer Bank eine letzte Rast vor unserem Tagesziel. Ein Rotkehlchen lässt keinen Zweifel daran, dass es Interesse an unseren Bio-Nüssen hat und wir teilen bereitwillig. Sehr zutraulich unser kleiner Freund. Auf dem letzten Hügel treffen wir noch einen weiteren herrenlosen Hund - ebenfalls zutraulich aber zum Glück bei weitem nicht so aggressiv wie sein Artgenosse von vorhin. Sarah streichelt und tätschelt das Tier ausgiebig und hat anschließend sehr fettige Hände. JETZT ist sie sehr dankbar dafür, dass sich in meinem deutschen Gepäck auch Desinfektionstücher befinden. "Here you go". Triumphierend lächelnd überlasse ich ihr eines davon. Wusste ich es doch - meine Ausrüstung sichert unser Überleben!

Am Horizont verschwindet die Sonne und wir laufen den letzten Hügel für heute hinab und auf einer neuen Holzpromenade in unser Tagesziel "Ort". Erst einmal zur empfohlenen Herberge. Dem Reiseführer folgend stehen wir bald darauf vor der ... vor der ... verschlossenen Herberge. Fantastisch. Läuft bei uns. Sarah ruft eine Spanierin herbei die zu berichten weiß, dass grad keine Saison sei. Und ob dieses Jahr überhaupt nochmal Saison sei wisse sie auch nicht. Naja... wir wollten jetzt auch nicht unbedingt vor der Herberge auf die Saison warten. Zum Glück bietet der Reiseführer eine private Alternative. Teurer - aber was solls. Wir laufen zurück durch den Ort und mieten uns über einer Tankstelle ein. Immerhin ist es hier modern und sauber. Schnell das Gepäck verstaut und dann ab zum Strand. Das erste Mal die Füße in spanisches Atlantikwasser. Was für eine Wohltat. Nach einiger Zeit wird es uns allerdings zu kalt und wir machen uns auf zur Herberge. Auf dem Rückweg noch in den Supermarkt: Nudeln, Tomaten, Chorizo und Vino... Die Herberge wartet mit einer Küche auf und Sarah zaubert uns fantastische Pasta! Vorzüglich. Weinselig und satt versinken wir in unseren Schlafsäcken. Da stören nicht einmal mehr die Geräusche der Tankstelle. Good Night.

 

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Tag 3 Pilgerglück
 

2 Kommentare

  1. Ernst Riegauf sagt:

    Geil jonas ich habe eine gänsehaut.

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