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Anreise von Hamburg nach Irún – zum Jakobsweg Küstenweg

Spanisch sprechen & Pilger Vokabeln – Jakobsweg Küstenweg
23. Dezember 2016
Auf geht`s ins neue Jahr! Küstenweg-Jakobsweg.de wünscht alles Gute für 2017!
31. Dezember 2016
 

Quaaak.... quaaaak..... quaaak... Mein fürchterlich alberner, aber heißgeliebter Ton "Ente" weckt mich. 4 Uhr. Mit zusammengekniffenen Augen blinzle ich leicht aggressiv auf das hell leuchtende Display meines Smartphones. Jetzt ist es also soweit - heute beginnt mein Abenteuer Jakobsweg. Küstenweg wohlgemerkt.

Etwas ungläubig starre ich auf den prall geschnürten Rucksack drüben am Türrahmen. Ernsthaft? Ich kann nicht klar denken ohne Koffeein. Also erstmal Kaffe kochen. Während der kocht unter die Dusche. Schon etwas frischer im Kopf steige ich in meine Outdoor-Klamotten. Ich grinse. So bin ich auch noch nie zum Flughafen gefahren. Röchelnd erinnert mich die Bialetti daran, dass mein Kaffee fertig ist. Mensch werden. Für einige Minuten sitze ich mit meiner heißen Tasse auf der Kante des Sofas und träume mich in die vor mir liegenden Wochen. Anna kommt in den Raum. Ob ich noch etwas frühstücken will? "Nein. Danke." höre ich mich sagen. Sie ist toll. Nicht nur, weil ich hier bei ihr übernachten durfte. Sie glaubt an mich - und sie motiviert mich. Von ihr kam als einzige nie ein zweifelndes Wort zu diesem Vorhaben. Ich bin so dankbar - für sie. Und für ihre Bialetti. Auf den Kaffee ist Verlass. Jetzt will ich los. Rein in die Schuhe und weg. Dachte ich mir so. Verdammt - jetzt mit der Zeit im Nacken ist das Schnüren dieser endlosen Senkel gar nicht mehr so einfach. Von unten, über Kreuz, hinten rum und wieder von vorn... Irgendwie schaffe ich es dann doch und wuchte mir meinen Rucksack auf den Rücken. Hüftgurt, Brustgurt, Rückengurte... Jakobsweg! - Nicht Fallschirmspringen. Anna drückt mich zum Abschied. "Danke", flüstere ich. "Machs gut... und schreib mal - wenn du Zeit findest". Sie winkt mir nach.

Es ist noch dunkel. Ich mag es so allein durch die schlafende Stadt zu gehen. Wie ruhig und friedlich Hamburg sein kann. Das Knirschen meiner Stiefel ist das einzige Geräusch. Bis zur S-Bahn ist es nicht weit und ich bin gut in der Zeit. Auf dem Bahnsteig nochmal schnell vergewissern, dass ich auf der richtigen Seite stehe und dann während ich warte ein Selfie. Verwackelt... unscharf. Egal. Sieht ja keiner. Die Bahn kommt pünktlich. Ich bin mir ziemlich sicher, dass trotz Namensgleichheit die S-Bahn nicht zur Deutschen Bahn gehört. Im komplett leeren Waggon checke ich nochmal, ob ich alle wichtigen Dokumente dabei habe und dann lehne ich den Kopf an die Scheibe und schaue der vorbeirauschenden Stadt beim Aufwachen zu.

 
Am Flughafen Hamburg füllt es sich schnell mit Menschen. Geschäftsreisende, Urlauber, Personal. Aber ich kenne mich hier aus, finde meinen Schalter und lege wie gewohnt mein Gepäck aufs Band. Ausweis, Handy mit Buchungsbestätigung. Man lächelt und nickt freundlich.

Meinen Schlafsack habe ich in einen Beutel gestopft... der reist als Handgepäck. "Mit ihrem Rucksack müssten Sie dann bitte einmal zum Schalter für Sperrgepäck", säuselt die charmante Dame von der Airline. Jaja. - WAS??? "Entschuldigen Sie", sage ich noch ruhig, "habe ich Sie richtig verstanden? Sperrgepäck?" "Was an meinem Ultralight Trekking Rucksack bitte ist Sperrgepäck? Der wiegt nichtmal ganz 20 Kilo... " "Die Stöcke die oben herausragen, die dürfen wir so nicht transportieren," erklärt das Charmebündel auf der anderen Seite des Tresens mit entschuldigendem Unterton. Aufregen? Nein. Was solls. "Würden Sie mir freundlicherweise sagen, wo ich mein "SPERRGEPÄCK" aufgeben kann?" frage ich mit leicht genervtem Unterton. "Selbstverständlich gern!" freut sie sich. "Sie gehen... links, rechts, bla... bla..." "Ok. Herzlichsten Dank!" sage ich und trolle mich davon. Immerhin ist das Sperrgepäck schnell aufgegeben - glücklicherweise bin ich der Einzige, der mit dem gesamten Hausstand reist. Jetzt durch die Kontrollen. Alles rein in die Plastikbehälter und ab durch den Metallscanner. Piiiiieeeeeppppp.... ist klar! "Nochmal zurück bitte!" Ich bin Terrorist. Sieht man doch. Bart und so. "Würden Sie bitte Ihre Schuhe ausziehen!" NEIN! Aber hab ich eine Wahl? Raus komm ich schnell aus den Stiefeln - aber verdammt, ich muss die gleich auch wieder zuschnüren. Nachdem ich überraschenderweise keine Tretminen in den Stiefeln habe, darf ich passieren. Duty Free, Gate, Kaffee. Der Flug geht planmäßig. Alles ist entspannt. Zwischenstopp in Brüssel. Jetzt gibt es Frühstück. Herzhaft, ausgewogen - satt zu Airportpreisen. Im nächsten Flieger versuche ich etwas zu schlafen. Ich bin vollkommen ruhig. Momentan ist alles wie eine ganz normale Urlaubsreise. Nur in Outdoor-Outfit. Bald landen wir in Bilbao. Exit...Exit? jawohl... so heißt es hier auch. Auf der anderen Seite der Drehtür schlägt mir merklich wärmere Luft entgegen. Spanien! Zufrieden schaue ich in den blauen Himmel. So hab ich mir das vorgestellt. Urlaubswetter!

Vor dem Gebäude stehen zahlreiche Taxen. Aus einer Gruppe wartender Taxifahrer heraus ruft einer zu mir herüber: "Senor, Senor!" Während ich seinem Ruf folgend zum Taxistand schlendere ziehe ich meine daheim ausgedruckte Adresse des Busbahnhofes in Bilbao heraus. "Hola," grüße ich mit meinem besten Spanisch. "A... por favor" und zeige dabei auf die Adresse. "Siiiiieh." brummt der Spanier nickend und nimmt mir meinen Rucksack ab. Über Autobahnen geht es zügig in die Innenstadt. Viel Interessantes sehe ich hier nicht. Also studiere ich schon einmal meinen Reiseführer. Die Herberge heute Abend in Irun werde ich auf jeden Fall finden. Wir halten am Busbahnhof. 26 € gibt mir der Taxifahrer zu verstehen. Hmm... keine Ahnung ob das angemessen ist. Ich bin froh angekommen zu sein und gebe ihm mit einem freundlichen "Gracias" 30. Keine Reaktion. Ich erinnere mich, dass ich in Griechenland mal einen Tankwart mit dem Geben von Trinkgeld schwer beleidigt hatte - ob das bei den Spaniern auch so ist? Vielleicht lese ich das mal nach. Erst einmal orientieren. Der Busbahnhof ist groß. So richtig sehe ich spontan nicht durch. An einem der ALSA Ticketautomaten steht eine mit Warnweste bekleidete ALSA-Mitarbeiterin. Während ich noch überlege wie ich sie nach dem richtigen Busterminal frage, wird sie von zwei Damen mit Rucksäcken und Outdoorkleidung bestürmt. Sie sprechen Englisch. Hätte ich drauf kommen können. Könnte hier funktionieren. Idiot. Wieder etwas klarer im Kopf trete nun auch ich an die ALSA-Dame heran und bekomme höflich Auskunft. Alles geregelt. Das Ticket war bereits online gekauft. Ich bin Deutscher - ich habe reserviert!

Anreise zum Jakobsweg Küstenweg - alles noch gewohnt geordnet.

 

So. Der Bus geht gegen 6 Uhr. Es ist 3 Uhr. Macht nichts. Ich schau mir einfach etwas die Umgebung an. Das ist ein klein wenig wie Ende verraten im Kino, denke ich amüsiert. Immerhin werde ich in einigen Tagen wieder hier durch wandern. Und kenne dann schon "alles"... Auf einer Bank an der Straße am Busbahnhof mache ich es mir bequem. Weit bin ich nicht gekommen, aber ich verspüre gerade auch gar keine so große Lust weit zu gehen. Die Sonne lacht, ich bin entspannt und die Bank scheint mir grad ein perfektes Fleckchen Spanien zu sein. Beste Gelegenheit mein Solar-Panel-Ladegerät zu testen. Der Ladebalken auf dem Smartphone blinkt. Perfekt. Überleben in der Wildnis gesichert. Zeit für einige erste Zeilen im Reisetagebuch. Ein Geschenk einer lieben Freundin. Sie hat sogar ihre Telefonnummer für Notfälle rein geschrieben. Wie süß. Ich lächle. Nach ein paar wenigen Zeilen im Buch und ein paar mehr verwunderten Blicken vorbeigehender Spanier entschließe ich mich, meinen Obdachlosen-Anschein auf der Bank aufzugeben und doch etwas mehr Pilger zu sein und durch die Stadt zu wandern. Einmal durch die umliegenden Straßen. Einige Bilder, einen Kaffee und Wasser. Die Zeit vergeht beim Wandern und bald eile ich zurück zum Busbahnhof. Inzwischen warten dort noch drei weitere Rucksackbepackte. Jack Wolfskin, Treckingsandalen, gelber Reiseführer. Alles klar - die haben auch reserviert. Im Bus sitze ich ganz vorn. Langsam werde ich nervös. Jakobsweg. Irgendwie verrückt. Aus dem Fenster sehe ich in der Ferne grüne Berge. Irgendwo dort werde ich in den nächsten Tagen wandern. Die Strecke zurück, die ich jetzt fahre. Zu Fuß. Mit dem Rucksack. Noch ist das alles unwirklich. Ich lehne mich zurück und denke an Daheim. An all das, was ich zurück gelassen habe. Mein altes Leben. Hier also soll das Neue beginnen. In Spanien. Auf dem Jakobsweg-Küstenweg. Ich schlucke. Der Kloß im Hals ist grad ziemlich dick. Nach ca. 2 Stunden fahrt erreichen wir Irún. Den Weg vom Bahnhof hab ich mir derart eingeprägt, dass ich nur schnell meinen Rucksack greife und los ziehe. Mir ist grad nicht nach Gesellschaft. Zügigen Schrittes in Richtung Herberge - zwischendrin kurze Kontrollblicke in den Reiseführer. Läuft. Angekommen an der Herberge stehe ich vor verschlossener Tür. Entschlossen drücke ich die Klingel und warte. Nach wenigen Augenblicken öffnet ein freundlich aussehender Spanier. Ich verstehe nicht was er sagt. Er spricht kein Englisch. Aber er lacht und winkt mich die Treppe hinauf.

Oben angekommen ist es laut. Überall laufen Pilger herum. Es riecht muffig. Und nach Zahnpasta. Im Raum direkt gegenüber dem Treppenaufgang weist mir der Spanier einen Stuhl zu und ruft irgendwas durch die Gänge. Laut, schnell, Spanisch. Im Türrahmen erscheint ein kleines, schwarzgelocktes, herzlich lächelndes Mädel. "Hello, do you speak English?" GOTT SEI DANK. "YES!" sage ich erleichtert und wir stellen uns vor. Sarah heißt meine Retterin. Ich bin Jonas. 10€ möchte man von mir, ich soll mich im Buch eintragen und sie würde mir das letzte Bett zeigen, wenn ich hier fertig sei. "Ok" nicke ich "thank you very much." "See you later!" ruft sie und verschwindet. Nachdem ich mich eingetragen und sehr unaufgefordert meine "Spende" entrichtet habe will ich aufstehen und Sarah suchen. Der Herbergsverantwortliche gestikuliert und deutet entschlossen auf seinen Stempel! Natürlich... Der Stempel! Schnell krame ich meinen Pilgerausweis hervor und dann - zack - hab ich ihn. Meinen ersten offiziellen Pilgernachweis. Irgendwie bin ich doch etwas stolz. Etwas sehr stolz. Sehr, sehr stolz. Hinter mir kommen jetzt auch die anderen Busreisenden an. "No Espaniol". Sarah wird gerufen. Leider keine Betten mehr frei, aber es gäbe noch Matratzen im Keller. Ich liiiiebe meinen Reiseführer! Während die anderen sich registrieren zeigt Sarah mir die Herberge. Mein Bett ist direkt über ihrem. Im Raum schnarcht schon ein offensichtlich erkälteter Mann. Na großartig. Mein keimfreies Gemüt erleidet einen Anflug von Panik. Ich will doch nicht gleich am Anfang der Reise krank werden. Sarah reißt mich aus meinen Ängsten und zieht mich durch den Flur. Sanitäre Zumutungen, überfüllte Schuhregale, überall Klamotten und Pilger, Pilger, Pilger. Sarah scheint hier irgendwie jeden schon zu kennen und stellt mich im Vorbeigehen vor: "German Guuuuy"... ok. Im Raum ganz vorn steht eine Blonde an ihrem Bett. Sie schaut interessiert zu uns herüber und lächelt. Hübsches Lächeln. Wir beenden unsere Besichtigung in unserem Schlafraum und ich versuche möglichst leise irgendwas in meinem Rucksack zu finden. Hoffnungslos. Keine Ahnung wo und in welchem Beutel was steckt. Entnervt räume ich alles aufs Bett und sortiere neu. Es wird ruhiger in der Herberge. Ich beeile mich mit der Dusche und steige dann ins Bett. Es knarrt. Es quietscht. Es riecht. Er schnarcht. Sie raschelt. Es ist hell. Es ist unbequem. Wie abenteuerlich! Ich finds plötzlich toll, mache ein Bild mit Gefängniskulisse und beschließe zu Schlafen. Gute Nacht!

 

Wie alles begann?

Mein Weg
 

Weiter gehen!

Tag 1 Erste Schritte

2 Kommentare

  1. Astrid sagt:

    Hallo Jonas, bist du der nette Pilgerer, der im Sommer 2015 auf dem Campingplatz Meran mit deinem Keyboard auf zwei Rädern an unserem Wohnwagen vorbeigingst und dann mit uns gefrühstückt hast?? Wir erzählen immer noch von dieser Begegnung mit dir(???) Haben dich an der großen Kirche am Nachmittag dann leider nicht angetroffen. Als du nach einigen Kaffees mit uns dann losgingst, habe ich dir fürs Portemonnaie eine kleine Marienmedaille geschenkt.
    Sei gegrüßt von uns und Gottes Segen! Astrid und Markus

    • Jonas sagt:

      Hallo Astrid… ich wünschte ich wäre es. 🙂 Nett bin ich hoffentlich auch, aber ich fürchte, ich bin nicht der, für den Du mich hältst… Zumindest besitze ich kein Keyboard und war demnach auch nie mit einem unterwegs. 🙂 Aber vielleicht laufen wir uns irgendwo anders mal über den Weg! Auch Euch liebe Grüße… Jonas

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