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Pilgerglück – Tag 3 auf dem Jakobsweg Küstenweg

Schmerz und Freude – Tag 4 auf dem Jakobsweg Küstenweg
16. Dezember 2016
Begegnungen – Tag 2 auf dem Jakobsweg Küstenweg
18. Dezember 2016
 

Die Mitarbeiter der Tankstelle sind vor mir wach und kennen keine Gnade. Also aufstehen. Während ich dusche, freue ich mich wieder auf das Frühstück. Bis zum Frühstück.

Zwei Scheiben Toast und jeweils Butter und Marmelade aus Plastikförmchen. Ernüchternd. Immerhin eine Apfelsine. Standards gibt es also in puncto Frühstück offenbar nicht. Umso dankbarer bin ich heute für das gestrige. Mit uns frühstückt ein smarter Typ aus Lettland. "Have a nice day" und weg ist er auch schon wieder... Uns hält hier auch nichts und so machen wir uns ebenfalls auf den Weg. Irgendwo im Wald begegnen wir ihm wieder. Er schnürt sein Gepäck neu, braucht aber keine Hilfe. Also weiter. Es dauert nicht lang da überholt er uns wieder und ist eine Minute später nicht mehr zu sehen. Was für ein Tempo. "Fast running guy" tauft Sarah ihn und wir trotten weiter. Ich komme mir langsam vor. In etwa so, wie eine der schweren, grauen Wolken die sich über uns behäbig am Himmel entlang schieben. Etwas weiter geraten wir in eine Straßensperre aus Schafen. Wir werden für einen Moment durch Wolle getrennt. Die Situation ist irgendwie erheiternd und ich nutze die Zwangspause für ein Video. Danach trotten wir eine Weile den Pilgerschafen hinterher. Die haben hier Vorfahrt. Selbst ein Reisebus muss rechts ran und warten. Ich komme mir schnell vor. In etwa so, wie eines der Flugzeuge die über uns am inzwischen blau werdenden Himmel fliegen. Die Strecke ist schön. Durch Felder, Weinberge, kleine Ortschaften und mit hohen Bergen am fernen Horizont laufen wir parallel zur Küste. Die Luft ist so rein und der Himmel wird immer schöner. Azurblau. Immer wieder hebe ich den Blick und verliere mich in dieser unglaublich schönen Farbe.

Querfeldein über Wiesen und durch Kiefernwäldchen entscheiden wir uns für einen als "Umweg" gekennzeichneten Pfad der alten Kasperroute. Wir wollen unbedingt den landschaftlich schöneren Weg. Zwar hatte uns an der Gabelung ein älterer Spanier noch gewarnt, dass es anstrengend werden würde - aber wir wollen es so. Ein asphaltierter Weg abseits der Küste scheint uns bedeutend weniger attraktiv. Plötzlich stehen wir an einem Bauernhof mitten zwischen Kühen und - Bullen. Diese imposanten Tiere schüchtern mich ein. Wir sie nicht so. Ohne großartig von uns Notiz zu nehmen kauen sie stoisch weiter und wir kommen wohlbehalten geradewegs zwischen ihnen hindurch. Nachdem auch diese Gefahr überstanden ist treffen wir auf eine Gruppe sehr sportlicher spanischer Frauen die ausgelassen und vergnügt vor uns her wandern. Kein Gepäck - offenbar machen die Damen einen Tagesausflug. Wir halten einigermaßen Schritt und stehen, nachdem wir uns aus einem bewaldeten Tal wieder bergauf gekämpft haben, plötzlich vor einem Küstenpanorama das mir den Atem raubt. Landeinwärts ein Bild, das jeder der "Herr der Ringe" gesehen oder gelesen hat zwangsläufig mit dem Auenland assoziieren wird. Sanft geneigte Hügel mit Wiesen und Bäumen in sattem Grün. Durchzogen von schmalen Wanderpfaden die zwischen den Hügelkuppen in der Ferne verschwinden. Sofort überkommt mich unbändig der Wunsch hier für immer zu bleiben. So ein friedlicher Ort. Welch eine Magie. Welch eine Ruhe und welch eine Kraft. Keine schmerzenden Beine in diesem Moment, keine Zweifel, keine Ängste. Rechts unter uns in strahlendem Blau der unendlich weite Atlantik. Bis zum Horizont. Raum für Gedanken. Raum für Träume. Freiheit. Salzige, klare, kühle Luft strömt durch meine Lungen. Ich atme. Ich spüre mich. Unter uns rauschen gleichmäßig die Wellen, die sich hier an der Küste brechen. Wir sind verzaubert. Sprachlos. Gefangen in der unvergleichlichen Schönheit dieses Momentes.

 
Nach einer gefühlten Ewigkeit die wir so verharren, treten wir einige Meter weiter unmittelbar an die steil abfallende Küste heran. Dort unten stechen die Spitzen von Gesteinsschichten aus dem Wasser. Ein bizarres, faszinierendes Bild.

Millionen Jahre Erdzeitgeschichte, durch gewaltige Kräfte gepresst in Gestein die hier aus dem Wasser ragen und in steilen Formationen die Küste bilden. Erneut kann ich den Blick nicht lösen. Ehrfurcht überkommt mich. Tiefe Demut. Unbedeutend klein und doch Teil dieser fantastischen Welt. Nur ein Wimpernschlag der Zeit, die sich hier so eindrucksvoll zeigt. Und doch so lebendig. Hier und jetzt. Unendlich viel Energie strömt durch meinen Körper. Endorphine. Pures Glück. Wir steigen hinunter auf die Steine und ich kann mich nicht satt sehen an den wunderschönen Formationen und Farben der Natur. Silbrig glänzende Platten, feuchtgrüne Algen, blaues Wasser mit weißer Krone, über uns der unendlich weite Himmel und um uns Wind und das Rauschen des Meeres. Wir verweilen jeder mit sich und seinen Gedanken allein.

Ein einsamer Muschelsammler läuft suchend mit gesenktem Kopf an der Wasserkante entlang. Nach einiger Zeit wandern wir immer noch überwältigt von dem soeben erlebten die grünen Hügel steil hinauf. Bei Regenwetter wäre das hier sicher die reinste Rutschpartie. Heute aber ist es Genuss. Oben auf dem nächsten Hügel bietet sich uns die gesamte Küste als ein wunderbares, perfektes Panorama. So viel Schönheit. So viel Glück. Ich versuche etwas dieser Magie auf Bildern zu verewigen. Langsam sammle ich mich und halte auch diese Eindrücke auf Video fest. "Werd ich zum Augenblicke sagen: Verweile doch! Du bist so schön!" denke ich und bleibe entspannt im Gras liegen. Irgendwann tritt Sarah an mich heran und erinnert mich, dass wir heute noch irgendwo ankommen wollen. Stimmt. Ich reiße mich los, wir schultern unser Gepäck und laufen weiter.

"Werd ich zum Augenblicke sagen: Verweile doch! Du bist so schön!" (Goethes Faust)

 

Wir entfernen uns wieder etwas von der Küste, laufen durch Wald und Wiesen. Hin und wieder sehen wir das Meer in der Ferne. Auf einer hölzernen Überführung über eine wenig befahrene Straße rasten wir noch einmal und essen Apfelsinen. Die sind so saftig, dass sie das ganze Holz neben uns volltropfen. Etwas später begegnen wir einer braunen Kuh die ihren Kopf aus einem sehr kleinen Fenster eines weiß getünchten Stalles steckt. Die Kuh zu braun, das Fenster zu niedrig, der Stall zu weiß - irgendwie wirkt das alles arrangiert... wir lachen. Ur-Komisch. Langsam werden die Beine schwer. Recht spät erreichen wir unseren Zielort "Ort". Das Zentrum und somit auch unsere Herberge liegen unter uns im Tal. Glücklicherweise fahren hier Aufzüge - ja richtig, Aufzüge - hinunter. An der Herberge im Bahnhofsgebäude angekommen, stellen wir fest, dass die Anmeldung dafür irgendwo in der Stadt ist. Das nervt. Erschöpft gehen wir also nochmal in den Ort um anschließend noch erschöpfter wieder zurück zur Herberge zu gehen. Historisch belegte Schikane. Aber das hat hier Tradition, lese ich im Reiseführer. Müde Pilger sollen hier als Attraktion gelten dürfen. Sei's drum.

Aus dem Supermarkt holen wir uns noch etwas Baguette, Käse, Chorizo, Walnußpesto und Wein und verbringen den Abend mit Lisa und Thomas im Hof vor dem Bahnhof. Die beiden kommen aus Österreich und eigentlich lernen wir Thomas nur kennen, weil er oben im Bett Lisa vermisst, die inzwischen fröhlich und heiter mit uns den ganzen Wein geleert hat. Lustig ist's und wir erfahren, dass Lisa und Thomas straffes Programm haben. Also soll es morgen sehr früh weiter gehen. Darauf nehmen wir Rücksicht und deshalb gehen wir alle sehr spät ins Bett. Ironie aus. Jetzt mitten in der Nacht habe ich die Duschen ganz für mich allein - und lasse mir Zeit. Danach ab ins Plastikbett. Tatsächlich ist die Bettwäsche in diesem großen Schlafsaal aus Plastik und ich frage mich, ob man darauf tatsächlich gut schlafen kann. In einem der Betten vorn an der Tür schläft die Blonde vom ersten Abend aus Irun. Ich weiß nicht wie sie heißt. "Finde ich raus!" beschließe ich während ich an ihr vorbeischleiche. Ganz vorsichtig krieche ich in meinen Schlafsack. Gute Nacht.

 

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