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Erste Schritte – Tag 1 auf dem Jakobsweg Küstenweg

Begegnungen – Tag 2 auf dem Jakobsweg Küstenweg
18. Dezember 2016
Pilger Küche daheim – Rezepte vom Jakobsweg Küstenweg
23. Dezember 2016
 

Langsam, mit etwas unsicheren Schritten gehe ich die Treppe hinab und aus der Herberge. Hinaus auf den Bürgersteig auf dem ich gestern Abend die Unterkunft hier in Irun erreichte. Die Luft ist noch kühl - ich spüre ein leichtes Frösteln. Früh ist es und die Dämmerung hat gerade erst begonnen. Ich schaue mich um - wo lang?

Etwas irritiert überlege ich kurz: Der Weg ist überall mit gelben Pfeilen gekennzeichnet. Überall. So hatte ich während meiner - zugegeben eher flüchtigen - Recherche häufig gelesen. Ich sehe nichts. Keinen Pfeil. Keinen Wegweiser. "Großartig, das fängt ja gut an!" denke ich und greife in meine rechte Hosentasche nach meinem Reiseführer. Zwar hatte ich vor dem Einschlafen vergangene Nacht vorsorglich noch einmal die erste Etappe nachgeschlagen, aber natürlich habe ich alles vergessen. Die Nacht war kurz und ich aufgeregt. Während ich also meinen Reiseführer aufschlage, sehe ich aus dem Augenwinkel wie ein älterer Herr auf einem Motorroller in die Straße vor der Herberge einbiegt. Als er in etwa meine Position erreicht, hupt er kurz und als ich meinen Blick auf ihn richte, gestikuliert er mit schwingendem Arm die Straße hinauf und deutet dann auf die Hauswand hinter mir. Ich verstehe und muss lachen. Offenbar bin ich SOFORT als hilfloser Pilger zu erkennen und offenbar wohl auch nicht der erste, dem der gute Spanier den Weg zeigt. Während ich lächelnd dem davonfahrenden Spanier zuwinke, drehe ich mich zur Hauswand und mich überkommt ein leichter Anflug von Ärger. Direkt an der Wand der Herberge zeigt ein gelber Pfeil UND eine Jakobsmuschel den Weg. Eigentlich nicht zu übersehen. Eigentlich. Aber ich bin ganz offensichtlich aufgeregt. Gerade als ich meinen Reiseführer wieder in der Hosentasche verstaut habe und losgehen will, tritt Sarah aus der Herberge und beginnt sofort eine Unterhaltung... auf Englisch. Typisch amerikanisch - gut gelaunt und hoch motiviert - beschließt sie mit mir zusammen los zu laufen. Ich habe nichts dagegen. Im Gegenteil: irgendwie entspannt mich Sarahs Gesellschaft. Immerhin spricht sie - ganz im Gegensatz zu mir - perfekt Spanisch. "Dieser Umstand könnte sehr hilfreich werden" denke ich und gehe entschlossen voran.

Überall sehe ich jetzt gelbe Pfeile. An fast jeder Laterne, auf dem Boden, an den Hausecken. "Prima, so kann ja nichts schief gehen" denke ich und wir wandern zügig bis zur Ortsmitte. Irun ist nicht besonders schön und Geschäfte haben auch noch keine geöffnet. Nicht mal einen Kaffee bekomme ich hier. Wir wandern den Pfeilen folgend in einen Kreisverkehr und rechts unter einer Unterführung hindurch aus dem Ort hinaus. Zwei weitere Pilger laufen auf der anderen Straßenseite und ich habe den Eindruck in guter Gesellschaft zu sein, auch wenn wir - für Pilgerverhältnisse - um kurz nach 7.00 Uhr relativ spät los gegangen sind. Überhaupt überkommt mich gerade das Gefühl, dass dieser Jakobsweg sich gut angeht. Wir unterhalten uns über dies und jenes, freuen uns über jeden Pfeil den wir sehen und haben bald einen ersten gemeinsamen Schlachtruf: "Yellow Arrooooow". Tatsächlich bin ich dankbar meine Englischkenntnisse auffrischen zu können und Sarah wird nicht müde zu beteuern, dass mein Englisch doch sehr gut sei. Wie charmant sie lügt. Vermutlich ist sie einfach froh nicht Deutsch oder Spanisch mit mir sprechen zu müssen. Der Reiseführer empfiehlt gleich zu Beginn der Etappe einen Abstecher in eine der angeblich schönsten Städtchen Spaniens. Es gelingt mir Sarah von diesem Umweg zu überzeugen und wir suchen uns das erste Mal einen Weg abseits der offiziellen Markierungen. Dank Sarahs Spanisch-Kenntnissen und hilfsbereiten Einheimischen finden wir den Weg verhältnismäßig problemlos und sind nach kurzer Zeit in dem gelobten , noch schlafenden Städtchen Hondarribia.

Malerisch verschlafen und unter wolkenverhangenem Himmel - das Küstenstädtchen Hondarribia


„Lektion: Kommst Du einmal ab vom Jakobsweg, weisen Dir freundliche Spanier eine Richtung. Oder zwei. Oder drei.”

Vorbei an jeder Menge geschichtsträchtiger Gebäude gehen wir bis in die Altstadt und dem im Reiseführer erwähnten Platz. Hmmm. Schnell lese ich nochmal im Reiseführer nach - jawohl, da steht: eine von Spaniens schönsten Ortschaften. Okay. Schön hier. Ganz nett. Naja... Irgendwie sehe ich Sarah an, dass sie sich fragt ob ich die Ausführungen des Reiseführers falsch übersetzt habe oder ob das hier wirklich schon ein spanisches Juwel ist. In mir regen sich Schuldgefühle - immerhin sind wir diesen empfohlenen Umweg auf mein Drängen hin gegangen. Etwas zerknirscht versuche ich wenigstens noch etwas über die Geschichte dieses Ortes zu übersetzen. Deutsche kommen vor - seeehr wichtig. Sarah hört sich alles geduldig an. Aber ich kann ihr hier wohl kein amerikanisches "ooooh beautyful" oder "wonderful" mehr entlocken. Wir machen Fotos und beschließen weiter zu gehen. "Bis San Sebastian ist es ja noch ein Stück" verständigen wir uns ahnungsvoll und laufen drauflos zwischen die Häuser.

Nach etwa einem Kilometer ohne Pfeile einigen wir uns auf "we got lost" und Sarahs Spanisch soll uns wieder auf den richtigen Weg bringen. Hola Seniora! Wir fragen eine elegant gekleidete Dame die gerade in ihr Fahrzeug steigen will. Während ihrer minutenlangen Ausführungen beobachte ich fasziniert, wie sich weitere Spanier aus der Nachbarschaft dazu gesellen und ebenfalls "helfen" wollen. Immer wieder verstehe ich erfreulicherweise "Camino", begreife aber noch nicht, warum jeder der Beteiligten in andere Richtungen zeigt. Die sichtlich überforderte Sarah lächelt tapfer, nickt verständig und bedankt sich überschwänglich bei den hilfsbereiten Spaniern. Auf meinen fragenden Blick erwidert sie: "this way - wait - no, this way. I don´t know" und lacht. "Die Küste rechts" erinnere ich mich und wir laufen nach Gefühl wieder in die Richtung in der wir den Jakobsweg vermuten. Nach kurzer Zeit weist uns ein frühsportlicher Radfahrer mit Handzeichen in die Richtung, in die wir ohnehin laufen und bald darauf finden wir auch wieder gelbe Pfeile. "Yellow arroooow" ruft Sarah verzückt - ich freue mich ebenfalls und wir gehen neu motiviert weiter.

 

Wir verlassen Hondarribia und wandern weiter zügig über Land. Das erklärte Ziel: San Sebastian.

Ab und an bricht kurz ein Sonnenstrahl durch die sonst dichte, graue Wolkendecke. Dafür, dass die Nordküste Spaniens als "meist verregnet" beschrieben wird, bin ich mit dieser Situation mehr als zufrieden. An einem kleinen Acker halten wir kurz und ich stelle amüsiert fest, dass Sarah ihren ganzen Rucksack voller Mandarinen hat. Mir war allerdings bereits gestern in der Herberge aufgefallen, dass sie mit relativ wenig Gepäck unterwegs ist. Dann ist natürlich Platz im Rucksack. Sie wirft mir eine Mandarine zu und wir wandern kauend weiter. Nach kurvenreichem Anstieg führt der Weg plötzlich rechts der Straße in die Büsche und ich erlebe das erste Mal ganz bewusst das Gefühl von Abenteuer. Vor uns geht eine steile Treppe leicht geschwungen einen Berg hinauf. Links und rechts der Treppe säumen dichte, meterhohe Bambuspflanzen den Weg und bilden eine Art Tunnel, in dem wir jetzt steil den Berg hinauf müssen. Irgendwie passt diese Treppe und diese Vegetation so gar nicht in die Landschaft. Dieser Ort wirkt merkwürdig - unwirklich. Es dauert nicht lang und ich spüre meine Oberschenkel. Weiter bergauf erreichen wir eine Kapelle. Der Platz davor bietet einen wunderschönen Blick über das hinter uns liegende Land. Wir können bis Irun zurück sehen und sind stolz. Unsere Rucksäcke stellen wir auf einen runden Steintisch und genießen die luftige Aussicht. Zeit für einen Snack. Ich esse meinen ersten mitgebrachten Powerriegel. Sarah lacht mich aus. Inzwischen hat sie nämlich heraus gefunden, dass mein Rucksack vollgestopft ist mit allem, was man an Empfehlungen für überlebenswichtige Pilgerausrüstung bekommen konnte. Powerriegel sind da nur die Spitze des Eisberges - im übertragenen Sinne. 20 Kilo trage ich mit mir herum. Aber ich fühle mich gut vorbereitet und ausgerüstet. Sarah äußert ihre Hochachtung für die "german Gründlichkeit" und wir gehen lachend weiter. Ich bin mir sicher, meine überlegene Ausrüstung wird uns bestimmt noch das ein oder andere Mal das Leben retten. Mit neuer Kraft machen wir uns wieder auf den Weg. Einige hundert Meter weiter bergauf erwartet uns allerdings eine erste echte Prüfung. Wir haben einen Abschnitt erreicht der so steil und glitschig ist, dass wir teilweise weit vorn übergebeugt, fast auf allen Vieren den Berg hoch klettern müssen. Der Reiseführer hatte hier ausdrücklich eine Alternative um den Berg herum benannt, aber ach was - wir sind jung, wir gehen steil. Schnaufend, fluchend aber glücklich kommen wir nach einer Weile oben an und werden entschädigt mit weiteren fantastischen Ausblicken. Rechts das erste Mal freien Blick auf das unendlich weite Meer, das sich heute am Horizont grau mit dem Himmel vereint - und links der Blick ins Landesinnere bis weit über Irun auf der einen und San Sebastian auf der anderen Seite.

Abgekämpft aber glücklich auf dem Berg Jaizkibel

Pilgerfreundliche 70 Cent für eine Bootsfahrt in Pasaia


 

Großartig! Es gelingt mir nicht meine Begeisterung zu verbergen. Weite. Wind. Der Himmel zum Anfassen nah. Ich bin glücklich. Hier oben fühle ich mich frei - und ich bekomme eine Ahnung von dem was möglicherweise noch vor mir liegt. Wir erfreuen uns erneut an der Aussicht und erobern einen verfallenen Wachturm. Uralt - aus buchstäblich grauer Vorzeit. Für einen kurzen Moment bin ich wieder Kind und Ritter. Welchen Zweck diese hier oben auf dem Grat aufgereihten Wachtürme wohl mal erfüllten? "Werde ich später nachlesen," denke ich und wir wandern los über den Berg. Vorbei an alten Festungsanlagen, riesigen Antennenmasten und einer rastenden Pilgergruppe. Man winkt. Wir rufen fröhlich "Hola!" und weiter gehts. Immer voran über Felsen, vorbei an Funkstationen und irgendwann steil bergab ins Tal. Unten angekommen laufen wir zügig nach Pasaia hinein. Im Grunde ist es eine einzige Straße und ein Platz auf dem gerade eine - offensichtlich private - Feierlichkeit stattfindet. Die festlich gekleideten Gäste am Open-Air-Buffet sehen zumindest nicht so aus als wollten sie mit uns teilen. Ansonsten gefällt mir der Ort. Die bunten Häuser erinnern mich stark an Hondarribia. Also - schöne Städtchen scheint es doch mehrere zu geben stelle ich befriedigt fest. Schnell erreichen wir die Fähre. Naja... das Boot. Für 70 Cent dürfen wir einsteigen und werden direkt übergesetzt. Angekommen auf der anderen Seite weisen uns Pfeile an Laternen den Weg. Zwischen alten Industriegebäuden geht es aus dem Ort und bald erreichen wir eine verdammt lange und steile Treppe. Langsam wird er echt anstrengend dieser Jakobsweg. Am Ende der Treppe haben wir nochmal Gelegenheit die Bucht und den Leuchtturm zu bewundern und Bilder zu machen. Danach geht es wieder steil bergan. Durch wilde Landschaften und ab und an schon dicht an der Küste wandern wir weiter. Irgendwann überholt uns ein weißer Hund. Und Herrchen. Rennend. Ich bin beeindruckt. Irgendwie müssen die beiden ja auch hier hoch gekommen sein. Was solls. Heute kein Wettlauf für mich - mein Ehrgeiz weicht zunehmend dem reinen Überlebenswillen. Wir erreichen eine im Reiseführer beschriebene Weggabelung und müssen uns entscheiden ob wir geradewegs Richtung San Sebastian wollen oder den landschaftlich deutlich schöneren Umweg direkt an der Küste nehmen..

Erschöpft setzen wir uns erst einmal mitten auf den Weg und überlegen. Kaum haben wir die Rucksäcke abgelegt und es uns "bequem" gemacht kommen mehrere Mountainbiker und ein Läufer den Weg entlang. Nützt nichts - wir müssen Platz machen. Ganz nebenbei wird mir bewusst, dass ich unheimlichen Durst verspüre. Mein Wasser ist lange leer. Sarah hat auch keines mehr. Ein Blick in den Reiseführer verrät mir, dass ganz in der Nähe eine Herberge ist. Wir beschließen dort unsere Wasservorräte auf zu füllen und dann den Weg direkt an der Küste zu nehmen. Tatsächlich erreiche ich nach wenigen Minuten die Einfahrt zur privaten Herberge. Sarah ist einige Meter hinter mir und während ich auf sie warte winkt aus dem Inneren der Herberge ein weißhaariger, bärtiger Mann. Er stellt sich vor als Ephraim. Herzlich bittet er uns herein und bringt sofort eine große Karaffe Wasser. Endlich - Wasser. Wir kommen ins Gespräch. Ephraim kommt aus Deutschland. Seine Frau ist Amerikanerin. Na - die Kombination kennen wir doch. Sehr amüsant. Man reicht uns selbstgemachtes Gebäck und lädt uns ein zu bleiben. Eigentlich wollten wir doch... ach... wir bleiben. Es wird ein schöner Nachmittag im Garten, mit fantastischem Essen aus eigenem Anbau im Kreise der Familie und einem tollen Ausklang Abends am Kamin. Wir erfahren, dass diese herzlichen Menschen Teil einer Gemeinschaft sind, die sich "zwölf Stämme" nennt. Sind mir ein Begriff - aber heute kümmert mich das nicht. Nach einer ausgiebigen Dusche gehen wir jeder nach Geschlechtern getrennt in verschiedene Zimmer. Das ist hier so. Bei geöffnetem Fenster krieche ich in meinen Schlafsack. Jetzt spüre ich jeden Muskel. Herrlich. Was für ein Tag. Gute Nacht.

 

Neugierig was vorher war?

Anreise nach Irun
 

Weiter gehen!

Tag 2 Begegnungen
 

4 Kommentare

  1. MB sagt:

    Tag 2, ich brauche jetzt sofort den 2. Tag.

  2. Barbara sagt:

    Hallo Jonas, super geschrieben, da fiebert ma richtig mit Lg. Barbara

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