parallax background

Berge und Meer – Tag 9 auf dem Jakobsweg Küstenweg

Wandern um etwas zu bewegen – CivilMarchForAleppo – Ziviler Marsch nach Aleppo
10. Dezember 2016
kuestenweg jakobsweg camino del norte freunde
Die Gefährten – Tag 8 auf dem Jakobsweg Küstenweg
12. Dezember 2016
 

Leicht irritiert öffne ich die Augen. Zwar höre ich kaum etwas, bin jetzt aber trotzdem wach. Um mich herum turnen schon frühaktive Pilger über unseren gestern gestalteten Bank-, Tisch- und Rucksackparcours.

Und wieder bin ich erstaunt, was diese Ohropax doch für himmlische Ruhe spenden. Ich fange wirklich an sie zu mögen. Nicht nur verschaffen sie mir Nachtruhe neben einem urgewaltig schnarchenden Iren, sie schaffen es auch, mich mitten im Gemeinschaftsraum auf dem Boden liegend nicht wie gewohnt schon beim kleinsten Geräusch aufschrecken zu lassen. Fast hätte ich sogar einfach den allgemeinen Aufbruch verschlafen. Fast. Unfreiwilliges, für mein Empfinden zu frühes Aufstehen mag ich zwar noch immer nicht, aber auch daran gewöhne ich mich zunehmend. Katharina ist schon komplett fertig und auch direkt auf und davon. Nachdem wir anderen den Gemeinschaftsraum wieder weitestgehend hergerichtet und die Matratzen verstaut haben, brechen auch wir dann auf. Heute frühstücken wir direkt an der N-634 im Hotel Arenillas. Hat irgendwas von Motel in amerikanischem Road-Movie. Riesiger Parkplatz, viele LKW-Fahrer - und wir bunten Pilger. Aber auch hier, im unromantischsten Ambiente, das ich jemals im Urlaub zum Frühstücken betreten habe, gibt es den wunderbaren "Sumo natural" - frisch gepressten, herrlich süß-säuerlichen Orangensaft. Da ist die Welt gleich wieder total in Ordnung. Also bis auf... ach du Schreck: aus einem der Rucksäcke die wir neben der Tür gestapelt haben, läuft grad Wasser aus. Der Boden ist zum Glück gefliest. Dafür sieht die Pfütze im Eingangsbereich aber auch gleich riesig aus. Sarah regelt das auf Spanisch. Und schon wird gewischt. Kleiner Schock, alle herzhaft gelacht - gut für den Kreislauf.

Spanien liebt uns. Auch heute begrüßt uns der Tag wolkenlos, beinah windstill und angenehm warm. Am Ortsende von Islares hinter dem Campingplatz gleich zu Beginn des Tages schon einmal eine schöne Bucht mit Badestrand. Winzige Wellen mit feinem, weißen Schaumkranz streicheln nur ganz leise plätschernd den jetzt in der Früh noch menschenleeren Strand. "Wenn das so weiter geht, werde ich den Rest meines Lebens wandernd an Spaniens Küste verbringen!" lasse ich die anderen halb scherzend, halb mein weiteres Leben in Spanien planend, wissen. Aber bevor ich wirklich dazu komme meinen Träumen gedanklich konkrete Pläne folgen zu lassen, holt uns die Europastraße N-634 und die Frage ob wir nun auf den nächsten Kilometern der vorgegebenen Route des "roten" Reiseführers oder der des "gelben" folgen, schnell zurück in den harten, nicht immer nur romantischen Pilgeralltag. Da wir uns schnell darauf einigen können, den Weg bis Laredo unbedingt an der Küste zu gehen, lautet der Kompromiss nun, hier kurz vor Nocina die kürzere Strecke entlang der Straße zu nehmen. Mein "Gelber" empfiehlt zwar den längeren Weg, weil landschaftlich schöner, aber hey... für den Gruppenfrieden! Und wenn ich ehrlich bin, machen mir einige Kilometer weniger rein gar nichts aus. Meine Füße schmerzen nämlich durchaus ein wenig. Aber laut würde ich das natürlich nicht sagen. Für die Abkürzung queren wir also den Fluss Agüera und ich frage mich, ob ich wohl als einziger an den Fußballer Agüero denken muss. Allerdings fasziniert mich das von Algen und Wasserpflanzen überwucherte, beinah leuchtend grüne Flussbett des derzeit nur wenig Wasser führenden Flusses doch deutlich mehr und so ist diese Frage nicht weiter relevant.

 
Die Straße führt uns ein Stück bergan und lässt sich in dieser humorvollen Gesellschaft schnell und entspannt bewältigen. Es dauert nicht lang und wir sehen wieder das Meer. Sofort sind die wenigen Kilometer entlang der Straße vergessen.

Für einen Moment genießen wir die leichte Brise vom Meer und die schöne Aussicht und sind dann kurz etwas orientierungslos. Keine Pfeile und auch kein unmittelbar erkennbarer Weg. "Wait a second", sage ich optimistisch, "let´s ask the yellow bible." Blätter, blätter. Seite 120 im gelben Outdoor: Liendo-Laredo. Ich lese laut: "... verläuft Ihr Weg links 400 m leicht bergauf, bis er auf die Asphaltpiste stößt, die von Liendo kommt, ihr folgen Sie halb rechts oberhalb eines Parkplatzes." "Parkplatz?? - ahja, direkt unterhalb unseres Standortes!" "Nach nur 100 m führt diese Piste halb rechts hinunter zum Strand, Ihr Weg dagegen geradeaus auf einem alten, steinigen Feldweg 500 m bergauf zu ein paar verlassenen Gebäuden." "Ok", versuche ich zu übersetzen: "We have to go straight up that hill. Watch out for some old houses - or ruins." Was heißt eigentlich "verlassenen" auf Englisch, versuche ich mich zu erinnern. Ich komm nicht drauf. Die Ruinen sind schnell ausgemacht und wir wandern den kleinen, steinigen Pfad hinauf. Immer wieder mache ich halt und schaue Richtung Meer. Die Küste ist hier sehr markant geformt. Ein Teilstück hat es mir ganz besonders angetan. Steil und zur Seeseite schroff abfallend baut sich die Küste landseitig grün bewachsen wie eine Rampe zum Meer hin auf und zeichnet sich wunderbar gegen den Horizont ab. Ein bisschen stören mich die Ruinen in diesem Panorama. Gleichzeitig sind sie aber Teil dieses faszinierenden Eindruckes. Auf der anderen Seite des Weges blickt man den Berg hinauf auf eine bizarre, von unzähligen weißen Felsbrocken übersähte Landschaft, deren karge Vegetation noch verkohlte Spuren eines Wald- bzw. Buschbrandes aufweist. Ich mag diesen Ort. Und ich weiß, auch dieser Platz wird mir immer in Erinnerung bleiben. Es ist heiß inzwischen. Paul erzählt schon eine ganze Weile etwas von Bier. Und dass ihm San Miguel besser schmeckt als Estrella. Ich lasse mich nicht zu Vergleichen mit deutschem Bier hinreißen und brumme einfach nichtssagend mehrmals "hmm... hmmm". Schätze, Paul deutet das als Zustimmung. Irgendwie finde ich, dass dieses Thema nicht unbedingt gegen Durst hilft. So schön der Weg auch ist, es wird immer heißer und wir alle sind sichtbar erschöpft. Hinter einer letzten Kurve am Berg können wir plötzlich unter uns Laredo sehen. Wir rasten kurz und machen uns neu motiviert an den vermeintlich kurzen Abstieg. Aber die knapp zwei Kilometer hinab in die Stadt ziehen sich doch nochmal in die Länge und uns allen ist zu warm um noch angeregte oder humorvolle Unterhaltungen zu führen. Irgendwann kommen wir aber dann doch an und kaum ist die erste Bar in Sicht ist Paul verschwunden. Während wir anderen noch abwägen ob hier oder weiter stadteinwärts der geeignete Ort für eine Rast wäre, kommt Paul mit frisch gezapftem Bier wieder aus der Bar heraus. Triumphierend ruft er: "San Miguel!"und hält lachend sein tropfendes Glas hoch! Kumpel wie er nunmal ist, hat er natürlich an uns alle gedacht und reihum bekommen wir nun alle ein eiskaltes San Miguel. Herrlich! Für einen kurzen, schwachen Moment überkommt mich das Gefühl, dass kein Bier auf der Welt besser schmeckt als San Miguel. Und nirgendwo ist das Bier so kalt... Wunderbar kühl rinnt das kondensierte Wasser auf der Außenseite des Glases durch meine warmen Finger. Glück ist - manchmal eben auch ein San Miguel.

Aber Glück ist oft flüchtig und so ist dann auch das Bier schnell getrunken. Kerry holt zwar noch eine zweite Runde, aber das ist schon nicht mehr dasselbe. "Bitte Krombacher, verzeih mir. Ich hab es nicht so gemeint!" seufze ich. "Die nächste Runde geht auf mich!" sage ich während wir aufbrechen und bin mir sicher, dass ich genügend Gelegenheit bekommen werde dieses Versprechen zu halten. Etwas erfrischt, aber insgesamt immer noch müde entscheiden wir uns den kürzesten Weg zur Fähre von El Puntal direkt am Strand entlang zu gehen. Wir lassen also einfach die Altstadt Altstadt sein und machen uns direkt auf zur Promenade. Allzu viel Betrieb ist hier heut nachmittag nicht, aber all die Bars, Geschäfte und offensichtlich derzeit ungenutzten Wohnungen mit heruntergelassenen Rollläden lassen erahnen, was hier in der Hauptsaison los sein wird. Endlos, also bis zum Horizont, erstreckt sich die weiße Betonbalustrade entlang des in der Sonne gelblich schimmernden Sandstrandes, dessen Ausläufer sich ganz weit weg als kleiner Punkt erahnen lassen. Irgendwo dort müssen wir hin. So schön ein solcher Strand auch sein mag, heute ist diese Aussicht leicht entmutigend. 5,4 Kilometer liegen vor uns. Während wir so über den Strandweg trotten wird mir mal wieder bewusst, wie wenig ich so einer Promenade, ganz gleich wie sauber und gepflegt sie angelegt ist und wie gut sie sich einfügt, abgewinnen kann. Jeder Trampelpfad entlang einer Steilküste oder der steinige, knirschende Boden einer naturbelassenen Bucht erfüllt mich ungleich mehr. Und während ich mal wieder meinen Gedanken nachhänge hat Paul wieder eine Bekanntschaft gemacht. Ein Franzose begleitet uns nun ein Stück. Er ist tatsächlich ein klein wenig berühmt wie er uns anhand einiger mitgeführter Zeitungsartikel beweist. Offenbar läuft er schon ewig. Sieht auch ein wenig so aus. Aber, denke ich schmunzelnd, wer weiß wie ich am Ende aussehen werde. Der Bart ist jetzt nach einer Woche schon deutlich sichtbar gewachsen. Endlich erreichen wir das Ende des Strandes. Etwas weiter ist auch so etwas wie ein Fähranleger. Ohne Fähre. Dafür ankert hier direkt am Strand ein Boot das uns bereits mit einem herabgelassenen Steg empfängt. Das sieht vielmehr nach pilgertauglicher Abenteuerfahrt aus. Thomas macht heut das Tempo und stapft unbeirrt durch den weichen Sand auf das Boot zu. Kaum sind wir an Bord, fährt das Boot ab. Ganze zwei Euro kostet die Fahrt. Das sind zwei Kaffee oder ein Bier. Inzwischen rechne ich hier alles in Kaffee um. Der kostet fast überall einen Euro und ist daher für mich Mathegenie grad so als Recheneinheit zu meistern. Nach dem anstrengenden Wandertag in der Sonne tut der Wind hier auf See unheimlich gut. Und so entspannen wir fröhlich auf der Überfahrt nach Santona.

 
 

Islares - Laredo - Santona! Camino del Norte pur

 

Seit einiger Zeit ist Paul sehr aufgeregt. Ständig schreibt er mit irgendjemandem - oder irgendeiner - Textnachrichten. "hey Paul," frage ich, als wir einen Moment allein sind, "who are you texting?" "Well, I met this spanish girl the other day. And she is here as well. I´ll go and pick her up later". "Aaah, I see..." grinse ich vielsagend und höre mir anschließend geduldig die ganze Geschichte über das "spanish girl", "her huuuuuge backpack" und "the dog" an. Als wir die Ortsmitte von Santona erreichen und auf einem wirklich schönen, großen Platz stehen, weiß ich alles über das Aufeinandertreffen der beiden. Bego ist ihr Name und der Hund heißt Mara. Na, ich bin gespannt auf "spanish girl". Unsere Herberge direkt hier am Platz ist schnell gefunden und wir bekommen einen großen Raum für unsere Gruppe. Das Zimmer hat sogar einen kleinen verglasten Balkon mit gemütlichen Sesseln. Wie geil. Schuhe aus und erstmal relaxen. Puuh... ok. Jetzt stehen hier mehrere Paar frisch ausgezogener Pilger-Stiefel. Also Fenster auf. Während die anderen duschen und sich einrichten, sitze ich hier mit Lisa. Wir unterhalten uns entspannt über Gott und die Welt und sind uns einig, dass das hier wirklich ein schöner Ort zum Übernachten ist. Als alle fertig sind, verabreden wir uns später zum Abendessen im Restaurant direkt unter unserer Herberge und machen uns auf die Stadt zu erkunden. Paul verpflichtet mich als "Wingman" um Bego abzuholen. Ich gehe gern mit. Ich mag Geschichten. Ich mag sie aus erster Hand. Wir gehen zurück zum Hafen und sind noch nicht ganz angekommen, da kommt uns Mara entgegen gelaufen. Mara ist eine Hündin und sie kennt Paul ja schon. Und offensichtlich mögen die beiden sich auch. Herzliches "Hallo" und "Wuff, wuff" und kaum bin ich als Deutscher vorgestellt spricht Bego natürlich fließend deutsch. Aber sie ist schon "spanish girl". Und der Rucksack ist tatsächlich der größte hier. Ausserdem hat Mara ihren eigenen. Einen Hunderucksack. Ich bin amüsiert. Auf dem Rückweg treffen wir vor einem Cafe wieder auf Kerry. Und auch sie hat offenbar einen Bekannten wieder getroffen. Ernst. Eigentlich wollten wir ja zur Herberge, aber wenn man sich hier nach so langer Zeit endlich mal wieder trifft, dann sollte man bleiben und erstmal ein Bier zusammen trinken. Das sieht Paul so. Und Kerry auch. Ernst auch. Bego ist einverstanden. Ich sowieso. Und hier ist meine Chance mich für das Bier heut mittag zu revanchieren. Also setzen wir uns und ich bestelle eine Runde für uns alle. Ernst ist ein wirklich lustiger Kerl. Ich mag ihn auf Anhieb und wir lachen viel. Auch Thomas und Lisa schlagen noch auf und so wächst die Gruppe.

Einige Bier später stellt sich Hunger ein. Gemeinsam gehen wir zurück zu unserer Herberge und setzen uns draußen an die hübsch weiß eingedeckten Tische des vorhin ausgemachten Restaurants. Weitere Pilgerinnen die irgendjemand kennt oder heranwinkt kommen dazu und so müssen wir die Tische etwas "erweitern". Neben mir sitzt Hanna aus Dänemark. Und jetzt endlich kann ich auch mal punkten. Immerhin spreche ich Dänisch. Überrascht sagt sie: "Hvor lærte du at tale dansk så godt? " (Wo hast du gelernt so gut dänisch zu sprechen?) Das erzähle ich natürlich gern. Nicht ohne ein bisschen Stolz. Als Hanna vermutet, dass ich Sänger/Musiker bin, muss ich herzhaft lachen. Schön wäre es. Vielleicht im nächsten Leben. Aber es macht mich nachdenklich. Wie kommt es, dass jemand Fremdes etwas in mir sieht oder vermutet, was aus meiner Sicht so vollkommen abwegig ist? Und ich erinnere mich an meine Jugendträume. An die Instrumente die ich mal spielen lernte. An die Lieder die ich gerne sang. Wann hat all das an Bedeutung verloren? Was tat ich statt dessen? Warum? Vielleicht sollte Hanna diese Vermutung aussprechen um etwas in mir zu wecken, das ich längst als endgültig vergangen verdrängt hatte, denke ich und unterhalte mich weiter. Die Tischgesellschaft ist heiter, das Wetter und Essen grandios und wir sitzen wieder einmal lange zusammen. Bego und ihr Hund dürfen nicht in der Herberge übernachten. Aber das kennt sie bereits und sucht sich im letzten Tageslicht einen Platz zum zelten. Auch wir anderen gehen bald darauf die wenigen Schritte hoch in unsere Unterkunft. Diese schöne und ruhige Herberge ist eine echte Wohltat. Zufrieden und unendlich müde mache ich es mir bequem und weiß sofort, dass ich heute Nacht schlafen werde wie in Abrahams Schoß. Gute Nacht.

 

Neugierig was vorher war?

Tag 8 Die Gefährten
 
 

1 Comment

  1. Badzong Birgit sagt:

    Einfach nur herrlich … Jakobsweg Küstenweg ich komme bald!!! Danke für diese wunderbaren Geschichten 👍

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.