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Die Gefährten – Tag 8 auf dem Jakobsweg Küstenweg

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Post in Bilbao – Tag 7 auf dem Jakobsweg Küstenweg
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Da mich der Wecker weckt, habe ich es wohl irgendwie geschafft ihn gestern Abend noch zu stellen. Offenbar bin ich - sind wir -verabredet.

Beim Aufsetzen erinnert mich mein dumpf pochender Schädel daran, was wir gestern Abend getan haben... Und trotzdem fühle ich mich einigermaßen erholt. Dem herrlichen Bett sei Dank! Packen geht heut früh schnell. Schlafsack und Handtuch brauche ich nicht wie sonst mühsam einrollen und in die ultraengen Hüllen stopfen. Das spart doch einige Zeit stelle ich beiläufig fest. Also raus in die frische Morgenluft. Gestern beim feucht-fröhlichen Abendessen hatten wir uns in der Tischgruppe zum gemeinsamen Loslaufen vom Parkplatz aus geeinigt. Ich bin der Letzte am Start. Wird schon Gewohnheit. So ein wenig. Noch leicht benommen schaue ich den anderen in ihre Morgengesichter. Fast alle fröhlich und unverschämt frisch aussehend. Insgeheim hoffe ich, dass das auch irgendjemand von mir denkt. Zumindest sagt keiner was. Gut - dann kann es ja losgehen. "Wo sind Tine und ähm... ähm... Kathrin!?" "Frühstücken noch!?" Ok. Hmm... schade irgendwie. Aber hier macht jeder seins - also los.

Kaum den Parkplatz überquert stehen wir vor einer wirklich steilen Treppe, die jetzt gerade endlos lang erscheint. Direkt am Antritt hat jemand ein auf Spanisch handgeschriebenes Schild angebracht. Sarah informiert uns, dass hier jemand seine Schlüssel sucht. Ich mache schnell ein Foto vom Schild und hoffe irgendwie, dass wir die Schlüssel finden. Stünde uns Pilgern gut zu Gesicht finde ich. Plaudern, feixend und für diese Uhrzeit viel zu gut gelaunt bringen wir die Treppe hinter uns und sind damit auch gleich auf Betriebstemperatur. Oben angekommen zeigt sich uns der Küstenweg von einer seiner schönsten Seiten. Vor uns tut sich das Meer auf und zu unserer Rechten steigt soeben die Sonne über die Berge am östlichen Horizont und taucht den noch menschenleeren Strand in silbriges Licht. Die Luft ist herrlich klar. Kaum ein Lüftchen regt sich. Wie schön hier zu sein. Alles in mir kommt zur Ruhe. Tiefer Frieden. Ich bleibe stehen und lasse diese ersten Momente des Tages für mich allein wirken. Und die Bilder nicht vergessen. Irgenwie spüre ich: Heute wird ein guter Tag!

 
Die anderen haben bemerkt, dass ich zurück geblieben bin und bleiben nun - auf mich wartend - ebenfalls stehen.

Ich schließe auf und wir gehen die nächsten Schritte mit einigen "Aaahhhs" und "Oooohs" ob der schönen Eindrücke gemeinsam. Nicht lange und ich falle wieder zurück. Zu schön diese Landschaft. Sie zwingt mich zumindest einiges davon auf Bildern für die Erinnerung zu verewigen. Wir laufen wirklich bestens gelaunt und immer wieder über Pauls Anekdoten lachend entlang dieser wunderschönen Küste und freuen uns über das Wetter, die Gesellschaft, die Natur und das Leben. Am Wegesrand stehen immer wieder gar nicht scheue Ziegen. Das Läuten ihrer kleinen hell klingenden Glöckchen ist die passende Hintergrundmusik dieser fast kitschig schönen Morgenwanderung. Wir passieren einen wenig vertrauenerweckenden, mit Balken und Brettern notdürftig gestützten Tunnel, lassen Lisa von einem - zum Glück angebundenen - Pony "jagen" und erreichen nach gefühlt gar nicht allzu langer Zeit an einem Straßenabschnitt eine Tankstelle an der Paul und ich etwas "Frühstück" einkaufen, um dies unmittelbar in einem gegenüberliegenden Bushäuschen, das wir zum Piknik-Pavillon umfunktionieren, zu zelebrieren . Während wir uns über all die Fundstücke in diesem Bushäuschen amüsieren, schließt eine weitere Pilgerin auf. Offensichtlich sehr sportlich und ausgesprochen hübsch. Katharina ist ihr Name. Es scheint, als schrecke unsere gute Laune sie nicht ab und so wächst unsere Gruppe um eine weitere fröhliche Person. Während wir so an der malerischen Küste entlang wandern fühle ich mich stark an "Herr der Ringe - Die Gefährten" erinnert. Eine Amerikanerin, eine Australierin, ein Ire, zwei Österreicher und zwei Deutsche im Gänsemarsch durch fremdes Land entlang einer traumhaften Kulisse. Kitschig. Klar. Aber so vollkommen abstreiten lassen sich gewisse Parallelen nicht. Ich fange an, die einzelnen Charaktere zuzuordnen... Blond und hübsch... klar. Groß, wild, bärtig - klar. Klein und dick... Ach, ich lasse es lieber sein! Schmunzelnd verwerfe ich den Gedanken und widme mich wieder der Aussicht und meinen charmanten Gesellschaftern.

Das Wetter könnte einfach nicht besser sein, der Weg auf diesem Abschnitt ist perfekt zum entspannten wandern und ohne große Anstrengung erreichen wir zur Mittagszeit das schöne Städtchen Castro Urdiales. Einigen aus unserer Gruppe knurrt inzwischen so heftig der Magen, dass wir sofort das erstbeste Restaurant ansteuern und hier ausgiebig und ausgedehnt essen. Die Karte rauf und runter bis wirklich nichts mehr geht. Vollkommen überfressen aber glücklich beschließen wir im Gruppenrat, dass der Tag noch viel zu jung und das Wetter viel zu gut ist um hier schon das Etappenende einzuläuten. Und so schlendern wir entspannt durch die schöne Stadt, füllen unsere Bargeldreserven an den zahlreich vorhandenen Geldautomaten auf und treffen einen, nein, DEN Holländer - Cornelius, der von nun an Kerrys Träume bereichern wird, wie sie unmissverständlich zu verstehen gibt. Kerry versucht alles, um Cornelius dazu zu bewegen uns (sie) zu begleiten, aber DER Holländer hat offenbar andere Interessen. Und so verlassen wir ohne Trophäe aus Holland, dafür aber mit einer vollkommen irritierten Kerry den historischen Teil des Ortes und folgen weiter dem Jakobsweg zurück an die Küste. Vorbei an Kirche, Statue, Grotte und Badestrand mit türkisblauem Wasser um kurz darauf erneut auf Trampelpfaden nur wenige Meter neben der schroff abfallenden Steilküste entlang unseren Weg mit dem Meer zur rechten und saftigem Grün zur Linken fort zu setzen. Hier auf diesem Abschnitt zeigt sich der "Camino del Norte" wieder einmal genau so, wie ich es mir gewünscht und vorgestellt habe. Der Weg ein gut zu gehender Trampelpfad, gesäumt von grünem Gras, wilden Blumen, Büschen und Bäumen. Die zerklüftete Steilküste nur wenige Schritte entfernt, Himmel und Meer wunderbar blau, die Luft angenehm warm mit leichten, salzig duftenden Brisen vom bis zum Horizont offenen Meer. Jeder Schritt leicht, jeder Atemzug bewusst tief, das Herz weit, der Kopf klar, die Sinne geschärft und alles unterlegt mit dem Klang des Rauschens der Wellen die tief unten an die Felsen schlagen und vereinzelten, leisen Vogelstimmen.

Pobena - Castro Urdiales - Islares! Ein perfekter Tag auf dem Camino del Norte

 

An einem kleinen Rastplatz unmittelbar an der Küste machen wir halt und genießen eine Zeit lang einfach den Moment. Ein Pilger kommt über das Feld zurück und gibt zu verstehen, dass er zwar versucht habe einfach übers Feld zu gehen aber dort nicht weiter komme. Fuchtelnde Arme, leuchtende Augen, ununterbrochender Redeschwall und gefühlt jedes dritte Wort "magnifico". Italiener eben. Lisa holt ihre Mundharmonika heraus und spielt ein par Stücke. Paul und der Italiener haben beide das Talent zu reden ohne sich darüber Gedanken zu machen ob sie verstanden werden. Daraus ergibt sich offenbar eine wunderbar harmonische Unterhaltung über die Schönheit dieser Küste. Diese Szenerie ist mir mal wieder ein Video wert. Besonders freue ich mich, dass ich Kerrys Glaubensbekenntnis "If its not in the german book - it does not exist" in Bild und Ton verewigen kann.

 
 
 
 

Die Pause zieht sich. Am Ende sitzen wir alle verteilt irgendwo an oder auf den Felsen und starren - jeder in seine Gedanken versunken - aufs Meer. Inzwischen machen sich dann auch die gelaufenen Kilometer wieder bemerkbar und die Lust weiter zu gehen hält sich bei allen merklich in Grenzen. Es ist Kerry die uns alle zusammenruft und daran erinnert, dass es Abend wird und wir noch nicht an der Herberge sind. Also auf und weiter. Die Sonne steht inzwischen tief und es ist merklich kühl geworden als wir die öffentliche Herberge von Islares erreichen. Den Gesichtsausdrücken der bereits anwesenden Pilger nach zu urteilen nehme ich an, dass die Betroffenheit mit der sie uns noch vor dem ersten Hallo ein mitleidiges "No more beds" entgegen riefen, ernst gemeint war. Aber wir, die internationalen Gefährten auf Pilgerreise lassen davon natürlich nicht beeindrucken. Nicht hier. Schon gar nicht heute. Während Sarah noch mit dem Hospitalero diskutiert hat Paul in einer Ecke im Schlafsaal eine ganze Batterie Matratzen entdeckt und deutet mir an ihm beim Umräumen zu helfen. Das ist echte "Macher-Mentalität". Mit wenigen Handgriffen haben wir den Vor- oder Gemeinschaftsraum leer geräumt und legen den Boden mit Matratzen aus. So vor vollendete Tatsachen gestellt, sieht auch der Hospitalero ein, dass offenbar noch Platz genug ist und alle sind zufrieden.

Wir stapeln unsere Rucksäcke, duschen schnell - hier übrigens mit Meerblick - und nutzen dann die letzten Strahlen der Abendsonne um im Ort nach Essbarem zu suchen. Nicht weit entfernt kommen wir an einen Campingplatz und erfahren, dass wir hier in kleinen, feinen Bungalows ebenfalls hätten übernachten können. Aber ach, was solls. Wir haben Schlafplätze und wichtiger ist jetzt das Abendessen. Außerdem ist heute Fußball-Abend. Champions League. Bayern München gegen Atletico Madrid. Das will ich unbedingt erleben. Dorfkneipenatmosphäre mit Spitzenfussball und deutsch-spanischer Beteiligung. Und ich habe Glück. In einer kleinen typischen Bar im Ortskern sitzen verteilt einige Spanier und schauen die Live-Übertragung im TV. Wir betreten die Bar und ich bin ein wenig beschämt als die Spanier höflich zwei Tische räumen und mit ihrem Bier an den Thresen rücken als Sie uns bemerken. Mit ehrlich gemeinten, mehrfach wiederholten "Gracias senores" setzen wir uns dankbar an die Tische. Wir bestellen Burger, San Miguel Bier und erleben einen stimmungsvollen Abend mit glücklichem Ausgang für die Spanier. Natürlich wäre mir in sportlicher Hinsicht ein anderer Ausgang des Abends lieber, aber ich bin glücklich, wenn die Spanier es sind. "Besser für die Gesamtsituation", sage ich mir und tröste mich mit dem Gedanken, dass ich so wenigstens nicht Gefahr laufe in den nächsten Wochen ein weiteres Spiel mit deutscher Beteiligung zu verpassen. Irgendwie kann man sich alles schön reden. Zurück in der Herberge gelingt Paul ein Meisterstück. Während wir im Halbdunkel versuchen möglichst nicht alle anderen bereits schlafenden Pilger zu wecken, reißt er buchstäblich mit dem Hintern eine vorhin von uns an die Wand gestellte Sitzbank um. Schepper. Rumms. Alle wach. Zum Glück kennt und erkennt uns hier im Dunkel keiner. Schnell in die Schlafsäcke und gute Nacht. Denkste. Also für den Iren schon. Ich hingegen erlebe und erleide echte irische Inbrunst. Hätte ich doch vorhin bei der Matratzenwahl etwas Weitsicht bewiesen. Nun liegen wir hier dicht an dicht und ich versuche verzweifelt die Ohropax irgendwie tiefer in meinen Kopf zu drehen. "Nie wieder ein Zimmer mit dem Iren", schwöre ich mir und versuche seinem Schnarchen irgend etwas melodisches ab zu gewinnen. Trotz der Ohrstöpsel dringen Pauls Geräusche gedämpft durch. Ich drehe mich zur anderen Seite und irgendwie schaffen es die Erschöpfung, die viele frische Luft und die zunehmende Gelassenheit mich doch einschlafen zu lassen.

 
 

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