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In Güemes bei Padre Ernesto – Tag 10 auf dem Jakobsweg Küstenweg

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Alles ist inzwischen irgendwie normal. Unaufgeregte Jakobsweg-Routine. Aufwachen mit den oder durch die anderen Pilger. Jeder hat so seine Eigenheiten beim Aufstehen, aber inzwischen ist es fast wie eingespielt.

Wir, die wir jetzt häufiger miteinander die Herbergen teilen, sind auf eine gewisse Art aufeinander abgestimmt. Man kommt sich nicht in die Quere, steht sich nicht im Weg, lässt die anderen machen und am Ende sind doch alle mehr oder weniger zeitgleich startklar. Während einige erst packen und dann ins Bad gehen, machen andere es anders rum. Manch einer wird wach und springt sofort aus dem Bett. Der nächste lümmelt noch einen Moment im warmen Schlafsack und beobachtet die anderen aus halboffenen, kleinen Augen. Während ich so meinen Schlafsack in die vorgesehene Hülle drehe, - jaja, ich drehe ihn hinein - bemerke ich mit einer gewissen Zufriedenheit, wie nicht nur mir die Handgriffe inzwischen leicht fallen und das morgendliche Einpacken sehr schnell erledigt ist. Der Rucksack ist wie ein gewohntes Möbel geworden. Ein bisschen wie der Kleiderschrank daheim. Die Dinge haben ihren Platz. Man weiß wo was ist, wo es hinkommt und wie es passt. Als wäre man nie anders gereist. Beim Aufstehen aus dem Bett bemerke ich einen kurzen, stechenden Schmerz im Schienbein. "Naja, inzwischen haben die morschen Knochen einige hundert Kilometer hinter sich" denke ich und hoffe, dass sich dieser Schmerz im Laufe des Tages einfach weg läuft. Der Blick durch die Scheiben unseres kleinen verglasten Balkons lässt mich den Schmerz gleich wieder vergessen. Der Himmel ist ein weiteres Mal fast wolkenlos blau. Kein Grund also für getrübte Laune. Auf dem Flur der Herberge - der mit einem Sofa und einer kleinen Verpflegungsstation wohl als Gemeinschaftsraum deklariert ist - schiebe ich mich an den anderen Pilgern vorbei raus auf den Marktplatz. Nicht ohne noch eine Handvoll der in fast jeder Unterkunft ausliegenden eingeschweißten Muffins für den Weg ein zu stecken. Direkt unten an der Ecke sind zwei einladende Bäckereien und Paul und ich können nicht widerstehen und gönnen uns noch kurz einen Café Americano und eines dieser köstlich aussehenden belegten Croissants. Die anderen warten. Unser Frühstück dauert nicht lang und der Weg hinaus aus der Stadt auch nicht. Wir entscheiden uns für den kürzesten Weg zum Strand und lassen die Runde um den Berg zum Leuchtturm heute früh aus. Nicht zuletzt weil Paul es irgendwie plötzlich doch eilig hat. Irgendwo am Strand wartet offensichtlich Bego auf uns. Auf ihn. Wie auch immer. Auf jeden Fall ist das Quartier von Bego und Hund unser erstes Etappenziel für heute.

Auf unserem Weg kommen wir am Ortsende an einer unendlich lang anmutenden Mauer vorbei. Einer Gefängnismauer. Hier, kurz bevor man das Meer erreicht. Man kann es ja bereits riechen. "Ist das jetzt ein schönerer Knast oder ultimativ sadistisch?" frage ich mich insgeheim. Eingesperrt so nah am Meer. Das Meer. Für so viele der Inbegriff von Weite und Freiheit. Ich überlege, ob ich in dieser Situation Freude an der salzigen Brise, dem Kreischen der Seevögel und der Vorstellung dem Meer so nah zu sein hätte, oder ob es mich wahnsinnig machen würde. Der Gedanke ist absurd. Vielmehr schweife ich ab zu der Frage, was Menschen in eine solche Situation bringt... Sind Menschen böse? Werden Menschen böse? An welchem Punkt wäre ich soweit oder bereit Grenzen zu überschreiten? Mir fehlt an diesem Punkt die Vorstellungskraft. Aber der Gedanke an ein Leben hinter Mauern und Gittern gruselt mich. Selbst, wenn es nur eine kurze Zeit wäre. Was wäre, wenn ich plötzlich wegen meiner Überzeugungen, meiner Abstammung oder politischen Haltung eingesperrt werden würde? Mich überkommt ein beklemmendes Gefühl hier an diesen Mauern. Ich laufe als freier Mann in der freien Natur aus freiem Willen mit anderen freien Menschen durch ein freies Land. Selbstverständlich! Eben nicht. Vor gar nicht so langer Zeit war auch mein Land noch durch eine Mauer getrennt. Wie schnell vergisst man, was Freiheit für ein Privileg ist. Wie hart sie erkämpft wurde. Und wie fragil unsere so selbstverständliche Freiheit ist. Ich denke darüber nach, wie leichtfertig wir teilweise damit umgehen. Wie bereitwillig wir unsere Freiheit aufs Spiel setzen. Als Preis für vermeintliche Sicherheit. Für etwas mehr Geld. Für Zwänge der Gesellschaft. Ketten des Konsums. Meinung gebildet und diktiert durch Medien. Weniger durch Wissen, Überzeugung oder Erfahrung. Wir bauen Mauern in unseren Köpfen. Grenzen ab und aus. Wir geben unsere Freiheit bereitwillig dafür her, dass andere uns erzählen was gut ist, was wir zu kaufen und wen wir zu wählen haben. Freiheit ist weit mehr als das bloße Wort. Viel mehr als offenes Meer und die Möglichkeit zu reisen wohin man will. Wieviel ist mir eigentlich meine Freiheit wert? Ab wann und wie würde ich dafür kämpfen? Was tue ich gegen die sukzessiven und gut verschleierten Einschränkungen, denen wir jetzt schon ausgesetzt sind? Bevor ich diese Überlegungen vertiefen kann, erreichen wir den Strand. Und meine Gedanken werden erst einmal wieder von der Aussicht, dem Wind und der Sonne auf meinem Gesicht und dem freudigen Jauchzen der anderen fortgetragen. Vor uns öffnet sich ein wunderschöner, fester, breiter Sandstrand der sich bei diesem perfekten Wetter einfach ideal zum Wandern anbietet.

 
Einige hundert Meter voraus steht ein Hund einsam am Strand. Als er uns bemerkt kommt er schwanzwedelnd auf uns zu gerannt.

Es ist Mara. Natürlich wird Paul am herzlichsten begrüßt und abgeleckt. Er ist ja inzwischen so etwas wie Herrchen. Wo aber ist Bego? Offenbar hat Maras Gebell unser Ankommen signalisiert, denn wenige Sekunden später kommen Bego und Ernst hinter einer Mauer hervor. "Ernst? Wieso ist Ernst hier? " frage ich mich. Hat er hier auch im Zelt übernachtet? Aber ich muss wirklich nicht alles wissen. Die Gruppe ist also erneut gewachsen. Oder auch nicht. Irgendwie sind plötzlich Paul, Ernst, Bego und Mara wieder verschwunden. Also gehen wir zu fünft über diesen tollen Strand und machen eine Menge Bilder von fröhlichen Pilgern. Komisch. Im Reiseführer vom Joost gibt es ebenfalls ein Bild mit fröhlichen Pilgern von genau diesem Strand. Vielleicht sollte er in "Strand der Fröhlichen" oder "fröhlicher Strand" oder "Strand Frohsinn" umbenannt werden. Happy-Beach! Das ist zwar nicht korrekt, klingt aber gut. Am Ende des Happy-Beach geht es auf kaum zu erkennenden Pfaden extrem steil einen Berg direkt am bzw. im Meer hinauf. Das ist gleich in der Früh mal wieder so richtig schweißtreibend. Auf halber Höhe kämpfen sich drei Mountainbiker den Berg hinauf. Die Bikes auf den Schultern, halb krabbelnd, am Gestrüpp festhaltend kommen sie in ihren Radler-Schuhen kaum voran. Das haben sich diese ansonsten sehr drahtigen Jungs sicher auch anders vorgestellt. Oder vielleicht wollten sie es ja auch genau so. Immerhin macht es runter wahrscheinlich umso mehr Spaß. Jetzt erstmal sind aber wir schneller. Oben angekommen tut sich einmal mehr eine ganz besonders herrliche Aussicht auf. Zum Meer gewandt sieht man von hier oben nur noch Wasser bis zum fernen Horizont. Durch die vorgelagerte Position dieses Felsens schaut man wirklich einfach nur aufs Meer. Irgendwo ganz weit draußen trifft dann das Blau des Meeres auf den noch leicht silbrigen Himmel. Unfassbar schön. Der Blick zurück ist ähnlich bezaubernd wie vor zwei Tagen morgens in Pobena. Hier wie dort taucht die gerade am wolkenlosen Himmel aufsteigende Sonne den noch weitestgehend menschenleeren Strand und die kleinen Schaumkronen der ans Ufer plätschernden Wellen in silbriges Licht. Letzte Schleier des morgendlichen Nebels und ein Hauch von wind streicheln angenehm frisch die Hautm, während die Sonnenstrahlen schon leicht warm einen herrlichen Tag ankündigen. Draussen auf dem Meer ein einzelnes Fischerboot. Ob es hinaus oder heim in den Hafen fährt ist einerlei. Jetzt grad träume ich mich dort hinüber auf dieses Boot. Für den Moment scheint mir Fischer der schönste und romantischste Beruf der Welt. Hier im Märchenland... Der Blick in Laufrichtung ist ähnlich verheißungsvoll. Ein endlos langer, heller Sandstreifen zwischen dem Blau des Meeres zur Rechten und den grünen Berghängen zur Linken. Ein weiteres Mal bin ich unendlich glücklich mich für diesen Jakobsweg an der Küste entschieden zu haben. Es ist genau so, wie ich es mag. Nur noch schöner. Ich fühle mich gesegnet. Kurz verschwende ich einen Gedanken an den viel zitierten Regen den es hier an der Nordküste so oft und anhaltend geben soll. Die Botschaft hört ich wohl, allein mir fehlt der Glaube. Während ich träume, träumen die Mädels offensichtlich vom Durchbruch. Dieser Felsen bietet ganz offensichtilich die perfekte Kulisse für Posen jeder Art. Yoga. Catwalk. Porträt. Kerry heißt nun Miss Australia. Ja, auch eine Misswahl erlebt man hier.

Natürlich haben uns die Mountainbiker inzwischen wieder überholt und sind längst verschwunden, als wir uns ebenfalls an den kurzen Abstieg machen. Der Strand der sich hier nun vor uns auftut fasziniert mich. Überall bizarre Gesteinsformationen. Abschnittsweise vollkommen verschieden in Form und Farbe. Überall haben die Wellen und Rinnsale wunderschöne Muster in den festen Sandboden gezeichnet. Unzählige Muscheln an den Felsen und in den glasklaren Pfützen die meist um die Felsblöcke angeordnet sind. Hier ist das Meer rauher. Ich könnte hier stundenlang einfach nur hinschauen, zuschauen, lauschen und tief atmen. Ich gehe behutsam auf jeden Schritt achtend. Fast so, als wolle ich diese Kunstwerke der Natur nicht stören oder gar zerstören. Die anderen sind schnell weit voraus. Aber ich muss mich hier umsehen. Will mir diese Bilder einprägen. Das hier hat niemand gebaut. Dieser Strand ist nicht angelegt. Ich kann mich in solchen Momentan verlieren. Und das geschieht hier gerade... Ich lege meine Hände auf die Wellenstrukturen im Sand. Fühle die Poren in den Felsblöcken. Die samtigen Algen. Wind und Wasser haben hier die Steine mal rund und glatt geschliffen, mal fast komplett zersetzt und rau und porös gemacht. So wie es das Leben mit uns tut. Jeder geht unterschiedlich damit um oder daraus hervor. Jeder hat seine eigene Form, seine eigene Prägung. Wie diese Steine. Vom Leben gezeichnet. Kein Happy-Beach. Ein Charakter-Strand. Kurz bevor wir die Steinstufen hinauf nach Noja erreichen wird der Sand fein und weich. Das Gehen im weichen Sand ist mit dicken Stiefeln und Rucksack anstrengend und jetzt spüre ich auch den Schmerz im Schienbein wieder sehr heftig. Vereinzelt stehen hier Mülleimer und Hinweisschilder. Bootsanleger und weiße Geländer deuten ebenfalls auf die zur Sommerzeit hier zahlreichen Badegäste und Urlauber hin. Zumindest las ich, dass Noja in der Hochsaison seine Einwohnerzahl vervielfacht. Davon ist heute nichts zu sehen. Die Restaurants und Bars an denen wir vorbei schlendern sind allesamt geschlossen. Keine Menschenseele weit und breit. An der Kirche setzen wir uns in den Schatten der alten Mauern und machen eine kurze Rast. Aus einer zu unserer Überraschung und Freude doch geöffneten, kleinen Bar auf der anderen Straßenseite holen wir uns kühle Getränke in Dosen. Sarah verteilt Mandarinen. Wie so oft. Unsere Obstbar. Der Weg führt uns nun etwas von der Küste weg und aus der Stadt hinaus. Feldwege, Asphalt und kleinere Ortschaften. Aber drumherum grün und angenehm zu gehen. Wir laufen uns etwas auseinander. Jeder für sich.

"Die Herberge von Padre Ernesto ist Kult! Jeder Pilger auf dem Camino del Norte sollte diese Erfahrung mitnehmen.

 

Ich gehe schnell und nach einer Weile laufe ich auf eine einzelne blonde Pilgerin in rosa Jacke auf. "Wenn das nicht Rooooszääännn ist!", freue ich mich und erhalte beim Näherkommen Gewissheit. Sie ist es. Als ich zu ihr aufschließe erschrickt sie leicht, begrüßt mich dann aber lächelnd und leicht außer Atem mit einem wunderbar gehauchten "Salut Jonas (Szallü Yonasz) ". Sie ist ebenfalls zügig gegangen und ihre Wangen sind von der Anstrengung leicht gerötet. Wir plaudern ein wenig. Darüber wie die letzten Tage so waren, wie es so geht, wie weit wir heute laufen werden und so weiter. Der übliche Smalltalk am Weg. Wir laufen eine ganze Weile so nebeneinander her. Irgendwann fangen wir an zu erzählen. Warum wir hier sind. Was uns antreibt. Ich spüre, dass es Rozenn nicht leicht fällt von sich zu erzählen. Aber sie tut es. Ich auch. Es ist ein ehrliches Gespräch. Ein offenes Gespräch. Sie gewährt mir tiefe Einblicke in ihr Seelenleben und ich öffne mich ihr. Es ist bereits ihr zweiter langer Jakobsweg. Im Vorjahr ging sie den Camino Frances. Ihre Geschichte berührt mich. Und ich bin sehr dankbar für ihr Vertrauen. Immerhin sind wir einander fremd. Nach einiger Zeit stellt sie fest: "I really don't know, why I'm telling you all this!" Ich lächle und sage nichts. Kurz darauf ergänzt sie: "Usually I don't talk to people this way. I'm on my own most of the time. Just me inside my privat bubble!" Ich überlege kurz und erwidere dann einfach: "You never know why it happened now. Maybe this was the moment to talk. Maybe I should cross your way exactly at this point. Sometimes people are sent your way, exactly in the moment they are needed oder at least helpful. Don't worry about. Maybe someday you'll see if and why it was necessary or good to talk." Sie schaut mich an und nickt. Wir sprechen dann noch über Wunder, Zufälle, Glauben und einiges mehr. In einem kleinen Waldstück am Beginn eines Anstieges bleibt sie an einer Bank stehen und sagt: "I am tired. Just walk on. I'll see you later." Ich verstehe, dass dies keine Einladung zum gemeinsamen Rasten ist und lächle ihr ein "Ok. See you later" entgegen während ich langsam weiter gehe. In Gedanken über all das, was mir Rozenn so erzählt hat nehme ich von der Umgebung kaum noch etwas wahr. Ob der Jakobsweg wirklich Antworten bietet? Wie ist das mit der Erwartungshaltung? Kann man wirklich von einem Weg, auch wenn es der Jakobsweg ist, Lösungen der persönlichen Probleme erwarten? Ich denke nicht. Es wäre naiv und verantwortungslos zu glauben, dass man einfach einen langen Weg geht und dieser dann alle Probleme löst. Ein solcher Weg kann den Rahmen bereit stellen, Zeit und Raum geben für Überlegungen, Denkanstöße und Inspiration bieten - aber Probleme lösen, das kann er nicht. Wie auch. Und so fürchte ich, wird man mit einer solchen Erwartungshaltung noch viele Jakobswege gehen können oder müssen, ohne das zu finden, was man sich erhofft. Aber so sind wir Menschen. Wir erwarten von etwas oder jemandem, dass es, sie oder er unsere Probleme löst. Zwecklos. "Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott!" murmle ich und bin mir nach wie vor sicher, dass die Antwort auf alle Fragen immer in uns selbst liegt. Nach einiger Zeit raste dann auch ich. Thomas und die Mädels holen mich wieder ein. Wir machen gemeinsam Pause. Kurz darauf ist dann auch Rozenn wieder da. Aber sie läuft jetzt weiter. Wolken ziehen auf und wir alle sind inzwischen auch ziemlich erschöpft. Allzu weit dürfte es jetzt nicht mehr sein bis nach Güemes zur Kultherberge von Padre Ernesto. Thomas und ich gehen jetzt etwas voraus, überholen noch einmal Rozenn und treiben uns gegenseitig die lezten steilen Meter hinauf zur Herberge. Oben angekommen blicken wir zurück und sehen grad noch, wie die Mädels unbeirrt an der Straße zur Herberge vorbei laufen. Wir rufen und winken und werden auch bemerkt. Lachend kommen die Damen den Berg hinauf. Vor der Herberge sinken wir erschöpft auf die Stufen und werden von herauseilenden Hospitaleros herzlichst begrüßt. Man reicht uns Wasser, trägt unsere Rucksäcke in die Herberge und lässt uns spüren: Hier sind wir willkommen! Ein gutes Gefühl. Es ist schön Pilger zu sein. Nach kurzer Verschnaufpause erledigen wir die Formalien mit deutschsprachigen! Hospitaleros und lassen uns anschließend herum führen. Ein recht eindrucksvolles Anwesen hat sich der Padre hier geschaffen. Mich interessieren vorrangig aber erstmal zwei Dinge: Wo sind die Duschen? Wo ist mein Bett? An den Schlafräumen angekommen signalisiert Rozenn mir, mit in den von ihr gewählten Raum zu kommen. Ich folge. Im Garten liegen und sitzen schon einige andere Pilger. Überwiegend neue Gesichter. Nach den gewohnten nachmittäglichen Ritualen Bett beziehen, Duschen und Wäsche waschen bin ich bereit die Herberge zu erkunden. Es ist schon ein spezieller Ort. Mehrere Ruhe- bzw. Meditationsräume, eine üppig ausgestattete Bibliothek, der Gemeinschafts- und Speisesaal ein umgebauter Kuhstall. Überall stehen, liegen und hängen Gegenstände aus allen Teilen der Welt. Mitten zwischen all den Pilgern und gefühlt genauso vielen Helfern sehe ich immer wieder den Padre umhergehen. Vieles habe ich im Vorfeld über diesen Mann gehört, noch mehr gelesen. Was wahr ist und was Legende interessiert mich momentan weniger. "Zumindest gibt es ihn wirklich" grinse ich in mich hinein. Er strahlt eine unglaubliche Ruhe aus. Ein kurzes Wort hier, ein Lächeln dort. Manch einem legt er die Hand auf die Schulter oder den Kopf. "Viele der hier helfenden Hospitaleros sind ehemalige Häftlinge" lässt mich unsere deutsche Hospitalera wissen. "Ach was!?"sage ich mit einem Blick auf die fleissig wirbelnden Helfer. Das ist interessant. Ich werde mich später noch einmal mit dieser Geschichte befassen.

Die restliche Zeit bevor es dämmert verbringen wir auf dem Rasen hinter der Herberge. Zusammen mit dem Herbergshund... oder Bären. Ein so großes Exemplar, dass Lisa dahinter vollkommen verschwinden kann. Das ist irgendwie lustig. Nicht so lustig findet Lisa, dass sich ihre lockigen Haare hier auf der Wanderung so schwer bürsten lassen. Ha! Das ist wieder ein Moment für meine perfekte Ausrüstung. "Probiers mal mit meinem Tangle-Teeser" biete ich an. "Meinst du der kann mehr als meine Bürste?" fragt Lisa ungläubig. "Versuch es!" sage ich und hole meine Wunderwaffe. Das Ergebnis fällt erwartungsgemäß gut aus. Lisa ist begeistert und ich freue mich einmal mehr den Nutzen meiner Packliste bewiesen zu haben. Also zumindest der Gegenstände, die noch im Rucksack verblieben sind. Es ist ein entspannter Abend. In lockerer Gesellschaft liegen, sitzen und flanieren wir Pilger hier auf dem Rasen. Unsere Schuhe haben wir mit herausgenommenen Sohlen zum Trocknen und Lüften an die Hauswand gestellt. Hier auf dem Rasen ist es Barfuß ohnehin angenehmer. Es ist ungeschriebenes Gesetz in dieser Herberge, dass die Mahlzeiten mit allen Pilgern gemeinsam eingenommen werden. Im ehemaligen Kuhstall versteht sich. Da für alle gekocht wird, machen sich also auch alle gemeinsam auf dem Weg zur Fütterung. Es duftet herrlich. Der einfach ausgestattete Raum mit den alten Balken und all diesen Souveniers unzähliger Reisen strahlt eine urige Gemütlichkeit aus. Auf den Tischen stehen Brotkörbe, Weinflaschen und Wasserkaraffen. Spätestens jetzt spüre ich den Hunger! Auch Katherina und Ernst sind hier! Jaja, irgendwo und irgendwann trifft man sie alle wieder. Ich finde Platz zwischen Rozenn und einem mir noch unbekannten Pilger. Wir kommen ins Gespräch. Er ist Amerikaner, wohnt aber eigentlich überall und hat - wie soll es anders sein - natürlich auch einige Jahre in Hamburg gelebt und gearbeitet. Wir sind also aus seiner Sicht fast Nachbarn. Jetzt möchte er über Geschäfte reden. Ich nicht. Also erzählt er mir wie und wo er seine Frau kennen gelernt hat. Ich bemühe mich derweil um mehr Wein. Wir bekommen Gemüsesuppe satt und Milchreis zum Nachtisch. Zumindest die Gemüse kommen wohl hier aus eigenem Anbau. Heute Abend bin ich sehr müde. Und auch der Schmerz im Bein will einfach nicht weichen. Wir räumen gemeinsam die Tische ab und begeben uns in die Schlafräume. Heute Abend sieht man keine Sterne. Der Himmel ist wolkenverhangen. Aber jetzt ist das auch egal. Gute Nacht. Donnergrollen weckt mich. Und auf das Dach prasselnder Regen ist ja so romantisch... Verdammt! Meine Schuhe!!! Ich setze mich erschrocken auf. Die stehen jetzt draußen im Regen. "Jetzt ist es eh zu spät!" ärgere ich mich und lege mich wieder hin. Wie ich damit umgehe, werde ich morgen früh überlegen. Zur Not bleibe ich einfach noch einen Tag.

 

Neugierig was vorher war?

Tag 9 Berge und Meer
 

Weiter gehen!

Tag 11 Bis Santander
 

2 Kommentare

  1. Renate sagt:

    Hallo Jonas,
    Ich lese mit grosser Freude deine Geschichte zum jakobsweg. Ich bin jetzt bei Etappe 10, und klicke auf Etappe 11! Doch es tut sich leider nichts. Mache ich was falsch? Bitte hilf mir, ich möchte doch weiterlesen 🙂 🙂 Liebe Grüsse Renate

    • Jonas sagt:

      Hallo Renate, schön, dass Dir das Lesen meiner Geschichte Freude bereitet. Was die Etappe 11 angeht, so machst Du absolut nichts falsch. 🙂 Die nächste Etappe ist schlicht noch nicht online. Folgt aber in Kürze. Ich hoffe also, Du hast noch etwas Geduld mit mir. Alles Liebe. Herzliche Grüße Jonas

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